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Die Münsterpfarrerin auf dem Land

Vor 3 Jahren wechselte Pfarrerin Maja Zimmermann vom Berner Münster nach Gerzensee. Das hat nicht nur ihre Arbeit verändert, sondern auch sie selbst: «Ich bin vorsichtiger geworden, denn man lebt hier näher zusammen.»

Maja Zimmermann: Nach 16 Jahren als Münsterpfarrerin wechselte sie nach Gerzensee.
Maja Zimmermann: Nach 16 Jahren als Münsterpfarrerin wechselte sie nach Gerzensee.
Christian Pfander

Zum grosszügigen Umschwung des Pfarrhauses von Gerzensee gehören zwei Rasenfelder. Sie müssen regelmässig gemäht werden. Auch die Gemüse- und Blumenbeete wollen gepflegt werden. Pfarrerin Maja Zimmermann nutzt die Gartenarbeit zu ihrem Vorteil. Wenn sie am Schreibtisch nicht mehr weiterkommt, geht sie nach draussen. «Nach einer Stunde habe ich wieder einen klaren Kopf», sagt sie.

Seit 3 Jahren ist Zimmermann in Gerzensee tätig. Zuvor war sie während 16 Jahren am Berner Münster angestellt, wo es keinen Rasen zu mähen gibt. Die 64-Jährige weiss also Bescheid über die Arbeit einer Pfarrerin in der Stadt und auf dem Land, ebenso über den Stellenwert der Kirche hier wie dort, über Unterschiede im Umgang mit kirchlichen Ritualen und dem Tod.

Das Land gesucht

Im Frühling 2014 hatte Zimmermann ihre Stelle am Münster gekündigt und sich bereits auf die Pensionierung eingestellt. Doch an einem Samstagmorgen stiess sie in der Zeitung auf das Inserat der Reformierten Kirche Gerzensee. Sie rief den Präsidenten der Kirchgemeinde an, verstand sich auf Anhieb und wurde schliesslich gewählt. Was sie in Gerzensee, am Südhang des Belpbergs, vorfand, enttäuschte sie nicht.

«Gerade im Sommer ist die Natur hier einfach wunderbar», sagt Zimmermann bei einem Glas Minzwasser im Pfarrhausgarten. Auf der angrenzenden Wiese grasen die Kühe, weiter unten glitzert der Gerzensee in der Sonne, der Blick auf die Alpen ist un­verstellt. «Ich verstehe die alten Stadtberner immer besser, die im Sommer in ihre ‹Campagne› zogen.»

Grosse Anziehungskraft

Dabei liess Zimmermann in Bern viel zurück. Das Münster ist der Leuchtturm der Berner Reformierten. Die Kirche in der Altstadt fasst über 1000 Personen, der Turm ist ein Wahrzeichen. «Das Münster hat eine grosse Anziehungskraft», sagt die Pfarrerin. Und zwar nicht nur auf Touristen. «Hier kommen auch viele Theologen und Fachleute in den Gottesdienst.» Da werde sehr genau darüber geurteilt, wie die biblischen Texte ausgelegt, die Predigt geschrieben, die Liturgie gestaltet sei. «Man bekommt sehr oft ein Echo, was herausfordernd, aber auch schön ist.»

In Gerzensee, wo im Schnitt immerhin um die 50 Personen die Predigt besuchen, werde wohl eher auf die Atmosphäre und das Gesellige geachtet. «Hier reagieren die Besucher auf das bewusst gepflegte Berndeutsch, auf das überraschende Zusammenspiel von Musik und gesprochenem Wort.» Beliebt seien auch Gottesdienste im Wald, im Schlosshof oder am Brunnen.

Bereichernder Austausch

Was die tägliche Arbeit angeht, sieht Zimmermann durchaus Differenzen – was vor allem an der unterschiedlichen Grösse der beiden Kirchgemeinden liegt. Am Münster war sie Teil eines grossen Teams. Das bedeutete zwar weit mehr Sitzungen, aber auch einen wertvollen Austausch. «In einem Einzelpfarramt ist man dagegen für alles zuständig», sagt sie, «man ist ab­solute Allrounderin.» Wenn man sich mit dem Rat, den Organistinnen, der Sigristin und den Kollegen der Nachbargemeinden nicht sehr gut verstehe und austauschen könne, «kann man schon vereinsamen», so Maja Zimmermann.

Am meisten vermisst die Pfarrerin den reichen kulturellen Austausch im Münster, etwa mit Musikern, dem Kunstmuseum oder dem Historischen Museum. «In der Stadt sind die Möglich­keiten schier unbegrenzt.» Doch auch in Gerzensee schätzt sie die Zusammenarbeit mit den Organistinnen, den «Chutzejodlern», der Musik Gerzensee, dem Gemischten Chor oder dem Männerchor, die alle im Jahr einen Gottesdienst begleiten. Gerne würde sie künftig noch mehr kulturelle oder meditative Anlässe initiieren. «Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.»

Die gleichen Fragen

Als Pfarrerin beschäftigt sich ­Maja Zimmermann mit den «urmenschlichen Fragen des Lebens», wie sie sagt: Wer bin ich? Was macht den Wert des Menschen aus? Was macht das Leben sinnvoll? Gibt es etwas nach dem Tod? Diese Fragen stellten sich überall. Allerdings: In der Stadt nehme der Wunsch zu, kirchliche Handlungen wie etwa Taufen oder Trauerfeiern individueller zu gestalten.

«Einerseits gefällt es mir, dass sich die Leute genau überlegen, wie sie die Taufe ihres Kindes, ihre Trauung und Trauerfeier gestaltet haben möchten.» Manchmal denke sie aber, dass der Druck, möglichst individuell und originell sein zu müssen, etwas vom Sinn dieser Handlungen zerstöre. Auf dem Land würden Traditionen geschätzt. Und der vertraute Ablauf einer Trauerfeier könne auch Halt geben.

Politik ist nicht erwünscht

Einer der grössten Unterschiede: Auf dem Land wäge man vorsichtiger ab, was man kritisiere, weil man näher zusammenlebe. «Das merke ich bereits an mir selbst.» In Gerzensee sei sie deshalb vorsichtiger mit politischen Äusserungen in der Predigt als in Bern. Eigentlich sei es nicht möglich, die Bibel ganz unpolitisch in die heutige Zeit auszulegen. Die Frage sei aber, was man mit gewissen Äusserungen auslöse. Einmal hat sie sich in der Kirche Gerzensee kritisch zur Durchsetzungsinitiative geäussert. «In Bern hätten die Leute nach der Predigt sofort Stellung genommen dazu – positiv oder negativ. Hier sagten sie nichts.»

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