Bern-Brünnen

Die Stadt Bern mischt selber bei Business-Apartments mit

Bern-BrünnenIn zwei Neubauten in Brünnen werden in diesen Tagen 100 Wohnungen mit Service bezogen. Pikant: An beiden Institutionen, die diese Businessapartments anbieten, ist die Stadt beteiligt.

Wohnen auf Zeit im Neubau: Die zu einem Viertel der Stadt gehörende BG Aare machts möglich.

Wohnen auf Zeit im Neubau: Die zu einem Viertel der Stadt gehörende BG Aare machts möglich. Bild: Enrique Muñoz García

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Anbietern von Businessapartments schlägt in der Stadt Bern viel Skepsis entgegen. Nach dem Verkauf der Liegenschaft der ehemaligen Alkoholverwaltung durch den Bund an eine Firma, die darin mutmasslich teure möblierte Wohnungen auf Zeit einrichten will, wurden Politikerinnen und Politiker auf verschiedenen Ebenen aktiv. Linksaussen-Stadtrat Luzius Theiler (GPB-DA) etwa will mit einem Vorstoss erreichen, dass Businesswohnungen in Wohn- und Dienstleistungszonen als «zonen­fremd» gelten und nur noch in Gewerbezonen bewilligungsfähig sind.

Angesichts dieser Debatte sorgt das Angebot der Firma B20 – Serviced Apartments Bern für Auf­sehen. Sie eröffnet in diesen Tagen in Brünnen 60 «hochwertig» eingerichtete Apartments als «temporäre Wohn­lösungen», wie B20 auf ihrer Website schreibt. Im Grundpreis enthalten: 14-tägliche Reinigung, Mobility-Mitgliedschaft, High-Speed-Internet, eine Co-Working-Lobby und ein persönlicher Ansprechpartner. Weitere Leistungen können «beliebig und modular» ergänzt werden.

Stadtangestellte im Vorstand

Überraschend ist, wer hinter B20 steckt: Es ist die Baugenossenschaft (BG) Aare Bern, die zu einem Viertel der Stadt Bern gehört. Deren Interessen werden im Vorstand der Genossenschaft von zwei Kaderangestellten von Immobilien Stadt Bern (ISB) vertreten. Neben dem neuen Angebot in Brünnen gehören der BG Aare 78 Wohnungen und 3 Altersheime mit 287 Wohneinheiten.

Laut Geschäftsführer Samuel Gaschen geht es der BG Aare beim Investment mit der Tochter­gesellschaft B20 zum einen um Diversifikation: kein weiterer Ausbau im Alters­bereich – aber dennoch profitieren vom dort gewonnenen Know-how im Bereich «Wohnen mit Service». Zum anderen wollte die BG Aare in Brünnen nicht das Gleiche bauen wie alle anderen. «Weil wir als Baugenossenschaft nicht so günstig bauen können wie andere, wären wir sonst Gefahr gelaufen, am Markt vorbeizuproduzieren», so Gaschen.

Eine 11/2-Zimmer-Wohnung von B20 inklusive Standarddienstleistungen kostet monatlich 1300 Franken, wobei Ga­schen einräumen muss, dass es sich dabei um einen «Einführungspreis» handelt. «Wir wissen noch nicht im Detail, wie sich die Betriebskosten entwickeln werden.» Nach aktuellem Stand schneidet das Angebot im Vergleich gut ab: Beim Platzhirsch im Bereich Businessapartments, der Glandon Apartments AG, kostet in Wabern die günstigste 1-Zimmer-Wohnung 1450 Franken; an Toplage in der Berner Altstadt ist eine 1-Zimmer-Wohnung ab 1750 Franken zu haben.

Früherer Gemeinderat dafür

«Wir streben keine maximale Rendite an», sagt Gaschen. Stattdessen mache die BG Aare eine Grenzkostenrechnung, «und damit gehen wir an den Markt». Mit anderen Worten: So wie ein gemeinnütziger Bauträger eine Kosten- statt einer Marktmiete verlangt, so gibt die BG Aare in Brünnen das freiwillige Bekenntnis ab, sich beim Mietzins an den eigenen Kosten und nicht am möglichen Profit zu orientieren. «Damit leben wir unserem Genossenschaftszweck nach, Wohn­bauten mit günstigen Mietzinsen zu erstellen und zu vermieten.» Gewinne der BG Aare blieben in der Genossenschaft, betont Ga­schen. «Bei uns gibt es keine Shareholder im Hintergrund, die wir befriedigen müssen.»

Bleibt die Frage, ob die Stadt – deren erklärtes Ziel das forcierte Bauen bezahlbarer Familienwohnungen ist –, im Bereich Businessapartments mitmischen muss. In einer Stellungnahme bringt Immobilien Stadt Bern viele Argumente vor, die auch Gaschen vertritt. Der Einfluss der Stadtvertreter sei bei Beteiligungen wegen der Stimmkraft begrenzt, hält ISB darüber hinaus fest. Allerdings sei auch der damalige Gemeinderat der Meinung gewesen, «dass ein Angebot in Brünnen mit Servicewohnungen realisiert werden soll». Und obwohl es sich um temporäre Vermietungen handle – BG-Aare-Geschäftsführer Gaschen rechnet mit durchschnittlichen Aufenthalten von vier Monaten –, «bietet die BG Aare im Vergleich zu den anderen Baufeldern günstige Wohnungen an», schreibt ISB.

Die Nachfrage nach solchen Wohnungen ist laut ISB «sehr gross», und zwar nicht nur von Geschäftsleuten, sondern auch von Studierenden und älteren Menschen – weshalb ISB und BG Aare auch lieber von Serviced statt von Businessapartments sprechen. Mit ihrem Angebot in Brünnen leistet die BG Aare laut ISB einen Beitrag zur «Standortfestigung von Firmensitzen in Bern, zur Arbeitsplatzsicherheit, zu der Verringerung des Pendlerstroms sowie bei Übergangs­lösungen in Notsituationen».

Tiefe Rendite? «Stimmt nicht»

GB-Präsidentin und Stadträtin Stéphanie Penher, die einst dagegen geweibelt hatte, dass ISB selber im ehemaligen Ratssekretariat an der Postgasse Businessapartments einrichtet, findet es «volkswirtschaftlich absurd», wenn die öffentliche Hand in diesen Bereich investiere. Der Grund: «Mieterinnen und Mieter von Businessapartments benutzen zwar unsere Infrastruktur, bezahlen aber hier keine Steuern.» Es sei deshalb «sicher nicht Aufgabe der öffentlichen Hand, in diesem Segment mitzumischen». Grundsätzlich anerkenne sie aber, dass eine Nachfrage nach Businessapartments bestehe.

Luzius Theiler, der diese Nachfrage nur noch in Gewerbezonen erfüllt sehen will, widerspricht zunächst der Darstellung der BG Aare, wie wenig renditeorientiert sie sei: «Letztes Jahr zahlte die BG Aare auf dem Genossenschaftskapital 5 Prozent aus. Das ist im aktuellen Zinsumfeld eine hohe Rendite.» Deren Alterswohnungen seien ebenfalls im oberen Preissegment angesiedelt. «Auch da ist es nicht Aufgabe der Stadt, in diesem Markt mitzumischen.»

Gemischtwirtschaftliche Institutionen wie die BG Aare seien ohnehin «sehr fragwürdig», findet Theiler: «Wenn sie Geld aus­geben, sind sie privat. Und dann sind sie plötzlich öffentlich, wenn sie Unterstützung des Gemeinwesens brauchen.»

Im Moment allerdings scheint das Geschäft zu florieren. Im Neubau neben jenem von B20 bietet die Stadtwohnung Bern AG neuerdings 40 Businessapartments an, und gemäss Website sind bereits alle vermietet. Mit 9 Prozent an der AG beteiligt: die Stadt Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.08.2017, 07:58 Uhr

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