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Die Stadt handelt sich Brückengegner ein

Einst fand die Stadt für das baufällige Haus an der Haldenstrasse 18 fast keinen Käufer. Heute winkt den Eigentümern des günstig erworbenen Grundstücks eine Entschädigung, falls die Velobrücke gebaut wird.

Das alte Haus an der Haldenstrasse: Die Stadt unternahm erhebliche  Anstrengungen dafür, das Grundstück zu verkaufen.
Das alte Haus an der Haldenstrasse: Die Stadt unternahm erhebliche Anstrengungen dafür, das Grundstück zu verkaufen.
Beat Mathys
Der Neubau steht nun nahe des Breitenrain-Endes der geplanten  Velobrücke. Den Besitzern passt das Projekt nicht.
Der Neubau steht nun nahe des Breitenrain-Endes der geplanten Velobrücke. Den Besitzern passt das Projekt nicht.
Beat Mathys
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Der Architekt Martin Zulauf ist einer der Hauptkritiker der geplanten Velobrücke zwischen den Berner Stadtteilen Breitenrain und Länggasse. Es brauche die Brücke nicht, sagte er Ende Februar auf einem Podium. «Sie ist ein schlechtes Projekt.» Lieber solle die Stadt das Velofahren in der Umgebung des Bahnhofs, im Bollwerk und auf der Lorrainebrücke erleichtern, so Zulauf.

Das eine tun und das andere nicht lassen, antwortet darauf jeweils die Velolobby, zumal die Brücke von Bund und Kanton mitfinanziert würde, das Geld nicht einfach in andere Projekte umgeleitet werden kann. Schätzungsweise 6000 Velofahrerinnen und Velofahrer würden täglich über die Brücke fahren, womit der Bedarf ausgewiesen sei.

Velobrücke in fünf Metern Abstand vom Wohnhaus

Brückenkritiker Zulauf hat ur­eigene Motive gegen das Bauwerk, dessen Kosten grob mit 20 Millionen Franken veranschlagt werden: Er ist Verwaltungsratspräsident der Wohnbaugenossenschaft Wok Lorraine AG, die 2015 an der Haldenstrasse 18 ein Wohnhaus realisiert hat.

Dieser Neubau würde durch die Velobrücke mutmasslich massiv beeinträchtigt. Wie der «Bund» vor gut einem Jahr schrieb, läge die Brücke höher als die Dachterrasse des Hauses und würde in fünf bis sechs Metern Abstand zu diesem verlaufen. Zulauf war letzte Woche nicht erreichbar.

Die konkreten Auswirkungen auf die Liegenschaft an der Haldenstrasse 18 könne man erst abschätzen, wenn das Siegerprojekt des Wettbewerbs für die Velobrücke vorliege, relativiert das städtische Tiefbauamt. Dieser Wettbewerb wird frühestens Ende Jahr gestartet. Er wird allerdings nichts daran ändern, dass die Velobrücke auf der Seite Breitenrain an die Polygonbrücke stossen und nahe am Haus der Wok Lorraine AG vorbeiführen soll.

Die Frage, ob dies den Wert des Hauses mindert und ob dessen Eigentümer dafür entschädigt werden müssten, kann laut Tiefbauamt «beim aktuellen Projektstand beim besten Willen nicht beantwortet werden». Nach dem Projektwettbewerb werde das Volk über den Bau der Brücke abstimmen, nach einem Ja würde die Projektierung erfolgen. «Im anschliessenden Bewilligungsverfahren werden sämtliche Land­erwerbe und Entschädigungen geregelt.»

Im Altbau teilten sich die zwölf Parteien eine Dusche

Nach heutigem Stand ist davon auszugehen, dass die Eigentümer der Liegenschaft an der Haldenstrasse 18 eine solche Entschädigung erhielten – ein Umstand, in dem angesichts der Geschichte des Areals viel – bittere – Ironie steckt.

Schliesslich gehörte das Areal der Stadt, und nun müsste diese einen Käufer entschädigen, dem sie es für nicht viel mehr als einen Apfel und ein Ei überlassen hatte: 175'000 Franken erhielt die Stadt, als sie 2004 Land und Haus an der Haldenstrasse 18 an die Wok Lorraine AG verkaufte.

Vor dem Neubau stand dort ein verlotterter Altbau, von dessen Fenstern aus man die vorbei­fahrenden Züge fast hätte berühren können. Als diese Zeitung Ende 2012 über den bevorstehenden Abriss des Gebäudes berichtete, war dieses vor allem von Studentinnen und Lebenskünstlern bewohnt.

Sie profitierten von tiefen Mieten, dafür hatten sich die zwölf Parteien im unisolierten Haus eine einzige Dusche geteilt. Die Stadt habe das Objekt jahrzehntelang als Abbruchliegenschaft geführt und bloss minimal unterhalten, hiess es.

Der Kanton machte die Velobrücke 2001 zum Thema

Das Haus sei laut den Akten «mehrfach öffentlich zum Verkauf ausgeschrieben» worden, teilt Immobilien Stadt Bern auf Anfrage mit. Konkrete Kaufofferten seien aber nicht eingegangen. Auch einem eigens beauftragten Makler sei es nicht gelungen, einen Käufer für das Haus zu finden.

Schliesslich sei man gezielt auf mögliche Interessenten los­gegangen, unter anderen auf die Wok Lorraine AG. «Ob die Stadt beim anschliessenden Direktverkauf einen höheren Preis hätte erzielen können, kann so viele Jahre später nicht mehr nachvollzogen werden.»

Mit Blick auf das heutige Brückenprojekt kann man auf jeden Fall sagen: Der Stadt wäre mancher Ärger erspart geblieben, wenn sie das Haus abgerissen und das Areal frei gelassen hätte. Das ist umso bitterer, als zum Zeitpunkt des Verkaufs eine Veloverbindung zwischen Breitenrain und Länggasse bereits ein Thema war. Drei Jahre zuvor, 2001, war die Velobrücke in der Mitwirkung zum kantonalen Richtplan erstmals ein Thema, danach wurde sie in diesem als «Schlüssel­objekt» aufgeführt.

Abgesehen von der kantonalen Zuständigkeit sei damals «der Fächer für die mögliche Verbindung noch völlig offen» gewesen, heisst es beim städtischen Tiefbauamt. Es wäre nicht möglich gewesen, so das Amt, in diesem Perimeter sämtliche Bauvorhaben mit Blick auf eine allfällig zu projektierende Velobrücke zu unterbinden.

«Gleichzeitig ist klar: Hätte man 2004 gewusst, dass 2017 das Grundstück Haldenstrasse 18 einer von zwei möglichen Ankunftsorten des Velobrückenprojekts sein würde, hätte man das Grundstück nicht verkauft.»

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