Dorf zwischen Hammer und Amboss

Albligen

Der ehemalige Dorfpfarrer von Albligen veröffentlicht ein Buch über den Schwarzenburger Ortsteil. Die umstrittene Fusion 2011 ist nur ein kleiner Teil der bewegten Geschichte.

Zurück an seiner alten Wirkungsstätte: Ulrich J. Gerber unter dem Albliger Kirchturm.

Zurück an seiner alten Wirkungsstätte: Ulrich J. Gerber unter dem Albliger Kirchturm.

(Bild: Adrian Moser)

Ulrich J. Gerber blättert wild hin und her. Er sucht eine Abbildung. Doch die Seiten machen es ihm nicht einfach und kleben zusammen. «Ich habe das Buch erst heute per Expresssendung erhalten, deshalb finde ich die Stelle gerade nicht», rechtfertigt er sich. Dabei gibt es für Gerber eigentlich keinen Grund zur Eile. Seit sieben Jahren ist der ehemalige Pfarrer pensioniert. Doch wenn es um sein Buch geht, ist er voller Tatendrang. Das Buch in seinen Händen erzählt die Geschichte von Albligen. Dem einzigen Berner Dorf westlich der Sense.

Der langjährige Status als Zankapfel der Kantone Bern und Freiburg beeinflusst bis heute das Albliger Selbstverständnis. 2011 fusionierte die Ortschaft mit Wahlern zur «neuen» Gemeinde Schwarzenburg. Die Meinungen zur Fusion und zur Zugehörigkeit gehen noch immer auseinander. Versinnbildlicht wird die Beziehung innerhalb der Gemeinde durch die Sense. Der Fluss trennt seit Jahrtausenden Schwarzenburg und Albligen mit einem tiefen Graben. Gerber will mit seinem Buch keine neuen Gräben auftun. Vielmehr will er die Geschichten der Berner Halbenklave und seiner Bewohner vor der Vergessenheit bewahren.

Auf der Grenze zwischen Bern und Freiburg

Im Mittelalter entschieden fremde Herren über die Zugehörigkeit der Albliger. 375 Jahre lang teilten sich Bern und Freiburg das Gebiet der Herrschaft Grasburg, deren Ruine noch heute über dem Sensegraben thront. Die beiden Kantone stellten abwechslungsweise den Landvogt, der die Region rund um Schwarzenburg verwaltete. Während der Reformation konnten sich die Berner allerdings besser durchsetzen, und die Gegend wurde protestantisch. Die Kirchgemeinde Albligen diente fortan als Auffangbecken für reformierte Freiburger. «Albligen ist seit je zwischen Hammer und Amboss, sowohl politisch als auch konfessionell», erzählt Gerber. Seit dem Untergang der Alten Eidgenossenschaft gehört die Region fix zum Kanton Bern.

Folgen der Fusion sorgen für Gesprächsstoff

Als das Thema Fusion im neuen Jahrtausend aufkam, stand auch ein Zusammenschluss mit dem freiburgischen Ueberstorf zur Diskussion. Doch die Geschichte nahm ihren Lauf. 2008 entschieden sich 101 Stimmbürger für eine Fusion mit dem vier Kilometer entfernten Wahlern. Die anderen 94 anwesenden Stimmbürger hätten lieber mit dem einen Kilometer nahen Ueberstorf fusioniert. Es war kein Entscheid gegen die Freiburger Gemeinde, sondern für den Verbleib im Kanton Bern.

Auch Gerber hatte sich damals für Wahlern entschieden. Mittlerweile sind Schule, Kindergarten und Gemeindeverwaltung verschwunden. Ein Schicksal, das auch zahlreichen anderen Landgemeinden widerfahren ist. Der Gasthof Bären (mit Berner Wappen auf dem Namensschild an der Fassade) und das Dorflädeli sind die letzten Treffpunkte im 500-Seelen-Dorf. Viele Albliger sind noch immer am werweissen, ob Ueberstorf vielleicht der bessere Entscheid gewesen wäre. Auch Gerber ist sich nicht mehr sicher, doch er hält nichts vom Zweifeln und Nachtrauern: «Der Entscheid ist gefällt, und wir müssen jetzt das Beste daraus machen.»

Eines der zahlreichen historischen Bilder im Buch. Rechts auf der Postkarte: Der Gasthof Bären. (Bild: zvg)

«Dorfgeschichten sind Lebensgeschichten»

Als Gerber im vergangenen Jahr die Arbeit am Buch aufnahm, begann er nicht bei null. Bereits zu seiner Zeit als Pfarrer schrieb er immer wieder über lokalhistorische Themen. Für einige Kapitel konnte er auf seine früheren Publikationen zurückgreifen. Zudem hat der 71-Jährige das Projekt nicht allein gestemmt. Einige Kapitel haben Susanna Grogg-Roggli, Sarah Keller, Max Bracher und Nathanael Zahnd als Mitautoren beigesteuert.

Die historische Untermauerung ist Gerber wichtig. Doch im Buch geht es nicht nur um die Vergangenheit und verstaubte Fakten. «Dorfgeschichten sind Lebensgeschichten, mich interessiert immer der Mensch hinter der Geschichte», sagt er. So habe er viel über die nach Freiheit strebende Natur der Albliger erfahren. Persönlich blieb ihm in erster Linie deren herzliche Seite in Erinnerung: «Als meine Frau an Krebs erkrankte und starb, erfuhr ich viel Empathie.»

Obwohl das Buch über Albligen erst seit kurzem fertig ist, arbeitet er bereits am nächsten. Dieses Mal über den ehemaligen Wallfahrtsort Oberbalm, wo er ebenfalls jahrelang Pfarrer war. «Das Schreiben gibt mir Kraft, und ich weiss, für was ich am Morgen aufstehe», begründet er seinen Tatendrang. So hat er sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: «Hoffentlich werde ich bis Ende Sommer fertig.»

In Albligen findet am Freitag ab 18 Uhr ein Folkloreabend und grosses Klassentreffen statt. Teil des Programms ist die Vernissage des Buchs. Spontanbesucher sind willkommen. Ulrich J. Gerber: «Albligen – Die Sonnenterrasse im Schwarzenburgerland». 342 Seiten, ISBN 978-3-906240-94-7, erhältlich im Buchhandel oder beim IL-Verlag.

Berner Zeitung

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