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Die Dorf-Seelsorgerin geht in den Ruhestand

Über ein halbes Jahrhundert verkaufte Heidi Fahrni in ihrer Boutique Kleider und Geschenkartikel. Nun schliesst die 76-Jährige den Laden, wo die Leute nicht nur zum Einkaufen hinkamen, sondern auch, um ihre Sorgen loszuwerden.

Christoph Albrecht
Heidi Fahrni (76) schliesst Mitte Mai nach 51 Jahren ihre Boutique Fahrni in Grosshöchstetten.
Heidi Fahrni (76) schliesst Mitte Mai nach 51 Jahren ihre Boutique Fahrni in Grosshöchstetten.
Andreas Blatter
Heidi Fahrni war im Dorf nicht nur als leidenschaftliche Verkäuferin bekannt. Die Geschäftsinhaberin war auch so etwas wie die inoffizielle Dorf-Seelsorgerin.
Heidi Fahrni war im Dorf nicht nur als leidenschaftliche Verkäuferin bekannt. Die Geschäftsinhaberin war auch so etwas wie die inoffizielle Dorf-Seelsorgerin.
Andreas Blatter
Heidi Fahrni pflegte den Kontakt zur Kundschaft gewissenhaft. Auf die alte, blecherne Kasse klebte sie über die Jahre Dutzende von Post-its mit Namen von Kunden.
Heidi Fahrni pflegte den Kontakt zur Kundschaft gewissenhaft. Auf die alte, blecherne Kasse klebte sie über die Jahre Dutzende von Post-its mit Namen von Kunden.
Andreas Blatter
Dies für den Fall, dass sie einem Gesicht einmal nicht auf Anhieb den richtigen Namen sollte zuordnen können.
Dies für den Fall, dass sie einem Gesicht einmal nicht auf Anhieb den richtigen Namen sollte zuordnen können.
Andreas Blatter
Angefangen hatte Fahrni im Jahre 1966. Damals verkaufte sie ausschliesslich Holzspielsachen.
Angefangen hatte Fahrni im Jahre 1966. Damals verkaufte sie ausschliesslich Holzspielsachen.
Andreas Blatter
Im Verlauf der Jahre erweiterte Fahrni ihr Sortiment schrittweise und verkaufte bald einmal auch Kleider.
Im Verlauf der Jahre erweiterte Fahrni ihr Sortiment schrittweise und verkaufte bald einmal auch Kleider.
Andreas Blatter
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Kerzen, Glaskaraffen und Spielsachen. Daneben Herrenunterwäsche, Babypyjamas und Damenpullover. Die Boutique Fahrni in Grosshöchstetten ist einer dieser Läden, in denen man irgendwie von allem ein bisschen was findet. Hier stapelt sich keine Einheitsware in sterilen Regalen. Hier wühlt man in angestaubten Holzgestellen.

Gegen den Strom

Das bunte Sortiment passt zur Frau, die es zusammengestellt hat: Heidi Fahrni, 76 Jahre alt, orange gefärbtes Haar und seit 51 Jahren Inhaberin der Boutique. «Ich bin schon immer etwas gegen den Strom geschwommen», sagt sie und erzählt. Wie sie als junge Frau eine Verkäuferinnenlehre gemacht hat, obwohl ihre Eltern sie als Bürofräulein sehen wollten.

Wie sie 1966 mit 200 Franken Budget begann, im Dorf Holzspielsachen zu verkaufen – damals noch in einem kleinen Abstellraum oberhalb des Schulhauses. Wie die Ware innert weniger Wochen weg war. Und wie sie fortan ihr Angebot schrittweise erweiterte.

Das breite Sortiment, sagt Fahrni heute, sei letztlich wohl das Geheimrezept dafür gewesen, dass die Boutique immer gut gelaufen sei. «Die Kundinnen kauften eben oft nicht nur einen Geschenkartikel, sondern gleich auch noch ein Hemd für den Mann und ein Foulard für die Freundin.»

Bald müssen sich die Grosshöchstetter allerdings anderswo mit Geschenken und Kleidern eindecken. Nach über einem halben Jahrhundert schliesst Heidi Fahrni ihre Boutique «altershalber», wie sie selber sagt. Aufhören wollte die 76-Jährige eigentlich schon per Ende letzten Jahres. Die Schliessung war bereits angekündigt, der Ausverkauf schon gestartet.

Anfang 2017 entschloss sie sich jedoch spontan, doch noch ein paar Monate anzuhängen. «Ich war immer noch zwäg, und der Laden lief nach wie vor gut», begründet Fahrni den Entscheid. Jetzt sei aber der richtige Zeitpunkt dafür, aufzuhören. Und sie stellt klar: «Diesmal ist es definitiv.»

«Der Laden war das Schönste, was mir passieren konnte.»

Heidi Fahrni

Leicht fällt der gebürtigen Spiezerin die Schliessung nicht. Seit ein paar Monaten hatte Fahrni jeweils nur noch bis zum Mittag geöffnet – «um mich ein bisschen daran zu gewöhnen», sagt sie. «Der Laden war das Schönste, was mir passieren konnte.» Für sie sei es nie ein Müssen gewesen, morgens die Boutique zu betreten. «Ich habe immer gern gearbeitet.»

Spickzettel an der Kasse

Wie fest Fahrni ihre Arbeit im Verkauf gemocht hat und wie gewissenhaft sie diese ausübte, macht ein Blick auf die alte blecherne Kasse hinter dem Verkaufstresen deutlich. Dutzende Post-its mit Namen von Kunden hat Fahrni hier angeklebt.

Dies für den Fall, dass sie einem Gesicht einmal nicht auf Anhieb den richtigen Namen sollte zuordnen können. Denn mit Namen, sagt sie, mit Namen sei sie nie besonders gut gewesen.

Die Kundinnen und Kunden werden Fahrni die kleine Spickhilfe kaum übelnehmen. Auch jene Frau nicht, die an diesem Morgen noch ein letztes Mal in die Boutique tritt. Nicht weil sie etwas Bestimmtes sucht oder um vom Ausverkaufsrabatt zu profitieren.

«Ich wollte einfach noch einmal vorbeischauen, bevor es die Gelegenheit nicht mehr gibt.» Dann beginnt die Kundin zu erzählen: Letztes Jahr habe sie zur Hochzeit ihrer Tochter verzweifelt nach einem passenden hellblauen Gilet für ihren Mann gesucht.

Alle möglichen Läden in der Stadt habe sie dafür abgeklappert, allerdings ohne Erfolg. Bei Frau Fahrni in Grosshöchstetten sei sie dann tatsächlich fündig ­geworden. «Das war der Hit.»

Inoffizielle Dorf-Seelsorgerin

Dass die Leute gern in die Boutique kamen, lag aber nicht nur an den Kleidern und Geschenkartikeln. Sie kamen auch, um Fahrni ihr Herz auszuschütten. In den Jahren ist die Geschäftsinhaberin so etwas wie die inoffizielle Dorf-Seelsorgerin geworden.

«Das hat sich irgendwie so ergeben», sagt Fahrni rückblickend. Ob bei Liebeskummer, nach Todesfällen oder auch einfach beim Bericht der Ferienerlebnisse: «Jeder wusste, dass das, was hier erzählt wird, auch hierbleibt.»

In den letzten Tagen hätten ihr viele Kunden gesagt, wie schade es sei, dass sie «bald keine Sörgeli mehr abladen» könnten. Das sehe auch sie so. «All die Kunden und ihre Lebensgeschichten werden mir fehlen.»

Sentimental will Heidi Fahrni aber gar nicht erst werden. Sie freue sich auf das, was komme. Auf mehr Zeit mit ihren Söhnen und Enkeln. Und auf die Amerika-Reise, die sie im Juni mit ihrem Partner in Angriff nehme. «Ich will spontan bleiben», sagt sie.

Schulbibliothek kommt wohl

Und die Boutique? Sie wird bald geräumt und macht dereinst voraussichtlich der Schulbibliothek Platz. Am Dorfmärit am Mittwoch bleibt der Laden noch ein allerletztes Mal geöffnet.

Dass die Derniere ausgerechnet auf einen unspektakulären Mittwoch mitten im Monat fällt und sie erst noch im 51. und nicht im runden 50. Geschäftsjahr kommt, erstaunt nicht. Schon gar nicht bei Heidi Fahrni, die in ihrem Leben gern einmal gegen den Strom geschwommen ist. «Anders wäre es mir zu gewöhnlich gewesen.»

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