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Durch Kunst aus der Krise

Die alte Försterschule in Lyss beherbergt neu ein offenes Atelier und eine Tagesstätte für psychisch beeinträchtigte Menschen. Hinter dem Living Museum stehen zwei Lysser Psychologinnen.

«Für uns ist das ein Herzensprojekt»: Renate Krebs (l.) und Eveline Riolo.
«Für uns ist das ein Herzensprojekt»: Renate Krebs (l.) und Eveline Riolo.
Enrique Muñoz García

Direkt am Waldrand steht die alte Försterschule Lyss. Mit Holz verkleidet und von einem üppigen grünen Garten umgeben, ist das Gebäude gut getarnt. Fast könnte man es übersehen, so harmonisch fügt es sich in die Umgebung ein. In dieser idyllischen Kulisse wird seit kurzem gemalt, geklebt, getöpfert und gesägt.

Der Verein Living Museum Lyss hat sich im Holzbau an der Alten Aare eingemietet und daraus ein offenes Atelier sowie eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen gemacht. Das Erdgeschoss im Hauptgebäude mit ­Küche und zwei zusätzlichen Räumen bietet Raum für Mal-, Keramik- und Holzateliers sowie zum Mittagessen und Verweilen.

Noch ganz am Anfang

Wer das Museum durch den Haupteingang betritt, befindet sich gleich in der grossen Halle. Hier wird Kaffee getrunken, gegessen, hier tauscht man sich aus. An der Wand hängt ein grosses New-York-Bild, als Hommage an das Stammhaus des Vereins in der US-Stadt (siehe Kasten).

Anfang April haben die beiden Psychologinnen Eveline Riolo und Renate Krebs den Atelierbetrieb aufgenommen. «Wir sind noch dabei, uns richtig einzurichten», erklärt Eveline Riolo bei einer Führung durch die Räumlichkeiten. Zwar hat es im Mal- und Gestaltungsatelier noch reichlich Platz zwischen den Farbtuben im Regal. Tische, Staffeleien und eine Malwand stehen aber schon bereit. Und werden rege genutzt.

Auf einer der Staffeleien steht ein buntes Fasnachtsbild, an der Malwand hängt das Aquarell eines Feldhasen, und auf einem Tisch liegen Bilder in kräftigen Farben, geschmückt mit getrockneten Blättern und Kieselsteinen. Gleich nebenan im Keramikatelier zieren kleine Hühner und Mäuse aus Ton die Regale. «Der Brennofen wurde gerade erst neu installiert», sagt Eveline Riolo.

Langjährige Zusammenarbeit

Eveline Riolo und Renate Krebs sind beide 63 Jahre alt. Während zehn Jahren führten die Psychologinnen eine Gemeinschaftspraxis in Lyss. Jetzt stemmen sie zusammen das Projekt Living Museum. Den Anstoss dazu lieferte Eveline Riolo. Als diplomierte Kunsttherapeutin besuchte sie vor drei Jahren ein Symposium in Wil SG, im ersten und damals noch einzigen Living Museum der Schweiz.

«Ich weiss noch, wie begeistert du warst, als du zurückkamst», erinnert sich Renate Krebs. «So war es. Ich hatte plötzlich mit 60 etwas gefunden, von dem ich dachte: Genau das wollte ich doch schon immer machen», erzählt ihre Kollegin.

Ein Herzensprojekt

Im Vorfeld starteten die beiden Frauen eine Umfrage bei den Kliniken Münsingen und Münchenbuchsee, um den Bedarf an Tagesstrukturplätzen abzuklären. Die Auswertung übertraf ihre Erwartungen. «Natürlich haben manche gesagt, dass wir spinnen, kurz vor der Pension noch ein solches Projekt anzufangen. Aber wenn es gut läuft, sind wir dann eben noch nicht pensioniert», sagt Krebs. «Für uns ist es ein Herzensprojekt.»

6 der 20 Plätze im Museum sind zurzeit vergeben. Vier Frauen und zwei Männer im Alter von 40 bis 70 Jahren erhalten in den Ateliers eine Tagesstruktur und nach Bedarf auch therapeutische Unterstützung. So kann zum Beispiel einer der Teilnehmer nach einem Burn-out den Wiedereinstieg finden und einer stressfreien Berufung nachgehen. Ob jemand nur einen Monat bleibt, ist offen.

Wertschätzung durch Kunst

Im Museum steht nicht die Krankheit im Mittelpunkt, sondern die Entfaltung des kreativen Potenzials, die Freude am Schaffen. Die Teilnehmer können in ihrem eigenen Tempo arbeiten. Sie können spazieren gehen, eine Kaffeepause einlegen oder sich zurückziehen und in der Bibliothek in Kunstbüchern schmökern. Sie haben keinen Druck. Nur die Öffnungszeiten sind gegeben (siehe Kasten).

«Die Teilnehmer sollen sich hier durch die Kunst neu definieren und Wertschätzung erfahren», sagt Eveline Riolo. Bei Ausstellungen können sie mit der Öffentlichkeit in Kontakt treten. Findet ein Kunstwerk einen neuen Besitzer, fliesst ein kleiner Teil des Verkaufspreises zurück in die Materialkasse des Living Museum.

Am 1. Juli 2017 feiert das Living ­Museum Lyss Tag der offenen Tür.

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