Ein Beutel aus weggeworfenen Zelten

Zimmerwald

Die Schwestern Chiara und Liliana Cosi produzieren praktische Beutel. Ihr Material sind nach dem Festival ausrangierte Zelte.

Praktische Beutel aus Zeltstoff: Hinter der Idee stecken die Schwestern Liliana (links) und Chiara Cosi.

Praktische Beutel aus Zeltstoff: Hinter der Idee stecken die Schwestern Liliana (links) und Chiara Cosi.

(Bild: Nicole Philipp)

«Zu entsorgende Zelte bitte direkt zu uns.» Diesen Satz haben die beiden Schwestern Chiara und Liliana Cosi während Stunden immer wiederholt. Den ganzen Sonntag standen sie gemeinsam mit einem Dutzend Helfern, allesamt Familie und Freunde, beim Ausgang des Open Airs Frauenfeld.

Direkt neben den grossen gelben Abfallcontainern. Rasch stapelten sich die ausrangierten Zelte. Das Team um die Schwestern schnitt das Stangengerüst vom Stoff. Denn um diesen geht es schliesslich. Aus dem Zeltstoff produzieren die beiden Bernerinnen praktische Beutel zur Aufbewahrung von allerlei Krimskrams.

«Wir haben unsere Aktion natürlich im Vorfeld mit den Organisatoren abgesprochen, damit wir Zugang zum Gelände erhalten», sagt Chiara Cosi. Viel Überzeugungskraft brauchte es nicht. Weniger Müll für die Organisatoren, viel Material für die Schwestern, eine Win-win-Situation.

«Wir wollen aus Abfall nützliche Alltagsgegenstände herstellen.»Chiara Cosi

Auch anderer Schweizer Open Airs hatten sie im Vorfeld angefragt. Das Gurtenfestival zum Beispiel hat aber eine deutlich kleinere Zeltstadt als das Open Air Frauenfeld. Zudem würden laut Organisatoren die Zelte auf dem Berner Hausberg fast alle wieder mitgenommen. Fazit: zu wenig Material für das Projekt. In St. Gallen hätten die Schwestern die Zelte erst um 22 Uhr einsammeln können. Zu wenige Helfer und schlechte Wetterbedingungen taten ihr Übriges zum Scheitern des Vorhabens.

Idee entstand aus dem Alltag

Chiara Cosi ist Lehrerin, ihre Schwester Liliana ist Textildesignerin. Mit ihrer Sammelaktion am Open Air Frauenfeld, starten die beiden das erste Grossprojekt ihres noch jungen Unternehmens Cosi Creation. «Wir wollen aus Abfall nützliche Alltagsgegenstände herstellen», so Chiara Cosi. Die Aufbewahrungsbeutel sollen ihr erstes Produkt sein.

Einen kleinen Lastwagen und einen Pferdeanhänger hatten sie zum Transport organisiert. Am Ende des Tages waren beide vollgestopft mit kunterbunten Zelten. Um die 1000 Stück kamen zusammen.

Am Montagmorgen ging die Reise für die ausrangierten Zelte dann weiter nach Lyss. Dort wurden sie in der Wäscherei der Fondation-GAD-Stiftung von den Spuren durchzechter Festivalnächte gereinigt. In der hauseigenen Manufaktur der Stiftung werden später auch die Beutel hergestellt. Ein von Liliana Cosi erstelltes Schnittmuster dient dabei als Vorlage.

Vorerst werden 300 Stück produziert. Das übrige Material wird eingelagert. Ab dem 1. September 2017 sind die Beutel über den Onlineshop von Cosi Creation erhältlich. «Wir haben bereits einige Vorbestellungen», sagt Chiara Cosi. Die Beutel gibt es in fünf verschiedenen Grössen ab 14 Franken.

Um die 1000 Zelte wurden am Open Air Frauenfeld gesammelt. Bild: zvg

Die Idee zu den Aufbewahrungsbeuteln entstand im Alltag. Als Mutter von zwei Kindern stolperte Chiara Cosi regelmässig über im Wohnzimmer verstreute Legosteine. «Oftmals suchen die Kinder ein bestimmtes Teilchen und schütten dafür alles auf den Boden, wo es dann liegen bleibt», sagt Chiara Cosi. Mit dem Bedürfnis nach einer praktischen Lösung wandte sie sich an ihre Schwester Liliana. Die Textildesignerin hat schon immer gerne genäht und gebastelt.

Müll ist nicht gleich Müll

Bereits den Prototyp fertigte Liliana Cosi aus den Überresten eines Festivalzeltes. Seit vielen Jahren ist die 43-Jährige als Helferin an verschiedenen Open Airs tätig. «Ich liebe einfach die Atmosphäre», sagt sie.

Der Anblick der zurückgelassenen Zelte gab der Textildesignerin aber zu denken: «Mich stört diese Wegwerfmentalität. Ich wollte versuchen, etwas Gutes daraus zu machen. Mein Traum wäre es, damit die Leute zu inspirieren, sich vor dem Wegwerfen mehr Gedanken zu machen, ob man die Dinge nicht vielleicht anders wiederverwerten könnte», so Liliana Cosi.

Die Schwestern tüfteln bereits an neuen Ideen: «Wir möchten auch aus den Zeltstangen und dem Boden etwas Nützliches herstellen.» Was auch immer sie sich als Nächstes ausdenken, genügend Material dafür werden sie finden. Denn die nächste Festivalsaison kommt bestimmt.

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