«Ein typisches Mobbingopfer gibt es nicht»

INTERVIEW: Michèle Seewer von der Kantonspolizei Bern sagt, dass es immer mehr Cybermobbing gibt. Wenn jemand selber viele Bilder von sich ins Internet stellt, steigt die Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden.

Frau Seewer, wie häufig sind Sie mit Fällen von Cybermobbing konfrontiert?

Michèle Seewer: Viele Mobbingfälle werden der Polizei nicht gemeldet. Man versucht nämlich, diese Probleme untereinander oder mit der Lehrperson oder den Eltern zu lösen. Erst wenn der Fall ernster wird, meldet man es der Polizei. Ich war schon mit einigen Cybermobbingfällen konfrontiert.

Ab wann spricht man von Cybermobbing? Cybermobbing ist ein Phänomen, das in den letzten Jahren vermehrt aufgetreten ist, dies auch, weil immer mehr Personen Zugang zu den digitalen Medien haben. Von Cybermobbing redet man, wenn ein Täter oder mehrere Täter eine Person über das Internet blossstellen, bedrohen, belästigen oder beleidigen.

Mit welchen Arten von Cybermobbing werden Sie konfrontiert? Die Arten von Cybermobbing können vielseitig sein. Es kann sein, dass jemand Gerüchte über eine andere Person verbreitet, peinliche oder gefälschte Bilder verschickt oder pornografische Videos ins Internet stellt.

Welche Personen sind eher dem Cybermobbing ausgesetzt? Wenn jemand selber viele Bilder oder Videos von sich ins Internet stellt und viel kommentiert, ist die Angriffsfläche grösser, und somit steigt die Wahrscheinlichkeit von Cybermobbing.

Wie werden die Mobbingopfer gewählt? Ein typisches Mobbingopfer gibt es nicht. Zwar können Persönlichkeitsmerkmale wie Geschlecht, Hautfarbe und soziale Herkunft oder bestimmte Verhaltensweisen Ursache von Mobbing sein oder Mobbing zumindest begünstigen. Prinzipiell ist es aber wichtig, zu wissen, dass es jeden treffen kann. Mobbing nimmt seinen Anfang und erreicht sein Ziel auf dem Pausenplatz, in der Schule, beim Sport.

Welche Folgen ergeben sich für die Opfer und die Täter? Die Folgen beim Opfer können von Ängsten über eine psychische Störung und bis hin zum Suizid führen. Ein häufiges Problem der Opfer ist, dass sie sich nicht mehr in die Schule trauen und verunsichert sind. Andere Leute haben körperliche Beschwerden wie zum Beispiel Kopfweh, wenn sie in den Raum zurückkehren, in dem sie gemobbt wurden, oder ihnen wird schlecht.

Welche Plattformen sind häufig betroffen? Whatsapp ist wohl die Plattform, die von Kindern und Jugendlichen im Moment am meisten genutzt wird. Es ist wichtig zu wissen, dass auch Erwachsene sich im Internet beleidigen und dies nicht nur ein Phänomen der Jugendlichen ist.

Was passiert nach einer Cybermobbingattacke mit den Profilen der Betroffenen? Manche Angegriffene wollen gar nichts mehr mit der jeweiligen Plattform zu tun haben und löschen ihr Profil. Andere hingegen löschen alle ihre Daten aus den Netzwerken. Wir raten vor allem, die Kontaktdaten wie Handynummer oder Mailadresse zu ändern. Weiter gibt es die Möglichkeit, sich bei einer Opferberatungsstelle beraten zu lassen. Daniel Stucki, Jan Zbinden, Raphael Stähli, Tim Blaser

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