Ein Velo reist von Bern nach Madagaskar

Die Berner Organisation Velafrica sammelt schweizweit ausgediente Velos, macht diese wieder flott und exportiert sie nach Afrika. Dort landen auf diese Weise jährlich über 15'000 Schweizer Occasionsvelos.

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Christoph Albrecht

An einem sonnigen, kühlen Samstagmorgen im März beginnt die Reise unseres Velos von Bern nach Madagaskar. Während einige Personen vor der Militärkaserne im Breitenrain Schlange stehen, um an der Velobörse ein Zweirad zu ergattern, bringen andere hinter dem Gebäude ihre Velos zum Verkauf. Hier steht auch der weisse Lastwagen der Organisation Velafrica, die nach freiwilligen Velospendern Ausschau hält.

Einer von ihnen ist der 14-jährige Remo Egger. Sein oranges Mountainbike der Marke Jamis sei ihm zu klein geworden, sagt er. Der Sattel sieht ein wenig abgewetzt aus, die Kette ist etwas rostig, ansonsten macht das Fahrrad jedoch einen guten Eindruck. Vor allem in der Stadt Bern war Egger mit dem Fahrrad unterwegs.

Vom Wylerquartier, wo er wohnt, fuhr er häufig zur Postfinance-Arena, wo er als SCB-Junior trainiert. «Zum Glück kann ich die Sporttasche jeweils im Stadion lassen», sagt der Achtklässler, der die Strecke seit einem Jahr mit einem Rennrad der Marke Clio zurücklegt. Anstatt das alte Fahrrad im Keller verstauben zu lassen, spende er es nun lieber, sagt Remo Egger.

Gerne erinnert er sich an die Velotour auf den Bantiger, die er mit dem alten Mountainbike bestritt. Auch der Slow-up am Murtensee habe ihm gefallen. Das beste Erlebnis mit dem Fahrrad sei jedoch der zweitägige Ausflug im Rahmen der kirchlichen Unterweisung gewesen. Von Burgdorf nach Bern fuhr er damals mit seinen Freunden. Egger verbindet auch ein unschönes Erlebnis mit dem Velo: Einmal fuhr ihm ein Flyer-Fahrer ins Hinterrad, seither funktioniert die Bremse nicht mehr optimal. Egger trug glücklicherweise nur ein paar Schürfwunden davon.

Nun ist es Zeit, Abschied zu nehmen vom Fahrrad, mit dem so viele Geschichten verbunden sind. Etwas schwer falle ihm das schon, sagt Egger und fügt an: «Ich hoffe, dass ein Kind das Velo bekommt, das es mehr benötigt als ich.»

In der Velowerkstatt auf Herz und Nieren geprüft

Rund 100 ausgediente Velos sind bei der Sammelaktion von Velafrica zusammengekommen. Sie alle landen in der Velowerkstatt Drahtesel im Liebefeld, wo sie vor ihrer Reise nach Afrika flottgemacht werden – auch unser orangefarbenes Mountainbike. «Das Hinterrad ist etwas verbogen», sagt Thomas Schmid und beugt sich über das Fahrrad. «Ich muss es zentrieren, ansonsten fehlt dem Velo aber nichts.» Der 29-Jährige arbeitet seit 3 Jahren in der Werkstatt. Demnächst schliesst er seine Lehre als Velomechaniker ab.

Selbstverständlich ist das in seinem Fall nicht: Ein schwerer Unfall hatte Schmid vor fast 10 Jahren während seiner damaligen Maurerlehre aus der Bahn geworfen. Er verlor seinen Ausbildungsplatz, schlug sich eine Weile mit Gelegenheitsjobs durch und landete schliesslich auf der Strasse – bis er nach 2 Jahren Arbeits- und Obdachlosigkeit schliesslich im Drahtesel eine neue Perspektive erhielt.

Die soziale Institution, der auch Velafrica angehört, gibt es seit 20 Jahren. Sie unterstützt arbeitslose Menschen bei der Integration ins Berufsleben und bietet ihnen Ausbildungsplätze an. Derzeit werden im Drahtesel zehn junge Männer zu Velomechanikern ausgebildet. Sie machen gesammelte und gespendete Occasionvelos wieder fahrtüchtig. Insgesamt sammelt Velafrica pro Jahr rund 22'000 Velos. Ein kleiner Teil wird in der Schweiz weiterverkauft. Die restlichen rund 15'000 Fahrräder werden – wie Remo Eggers Mountainbike – nach Afrika verschifft.

In sechs Wochen übers Meer und durch den Dschungel

Im Zickzack aufgestellt, stehen die Velos vor dem 12 Meter langen und 2,6 Meter hohen Container. Seit 9 Uhr morgens reichen sich Mitarbeiter und Lehrlinge der Velowerkstatt Drahtesel sowie Asylsuchende die frisch reparierten Fahrräder weiter und stapeln sie im Laderaum. Dann ist das orangefarbene Mountainbike von Remo Egger an der Reihe. Wie bei allen Fahrrädern ist der Lenker quer gestellt, der Sattel, die Pedale und das Vorderrad sind mit Drähten am Rahmen befestigt. Das soll helfen, Platz zu sparen.

Der Container füllt sich rasch, am Mittag sind fast 500 Fahrräder verladen. Das orange Mountainbike ist nun bereit für eine sechswöchige Reise vom Berner Liebefeld ins über 8000 Kilometer entfernte Madagaskar.

Ein Lastwagen transportiert den Container zuerst nach Basel, per Zug geht es weiter nach Rotterdam, wo der grösste Tiefseehafen Europas liegt. Auf dem Containerfrachter umfährt das ehemalige Velo von Egger zuerst die Iberische Halbinsel, durchquert das Mittelmeer und den Suezkanal. Dann fährt es die Küste Ägyptens und des Sudans entlang und erreicht über das Rote Meer und den Pazifischen Ozean Singapur. «Die Route über Singapur ist schneller als der direkte Weg nach Madagaskar», erklärt Michel Ducommun, Programmleiter Afrika von Velafrica, den Umweg über den südostasiatischen Stadtstaat. So würden grosse Häfen in der Regel bessere Verbindungen bieten.

In Singapur wird der Container auf ein Schiff umgeladen, das die Hafenstadt Toamasina im Osten des Inselstaats Madagaskar anläuft. Dort ist die Reise jedoch noch nicht zu Ende. Nach einer 500 Kilometer langen Fahrt auf einem Laster durch Regenwald und Savanne erreicht der Container endlich sein Ziel, die Industriestadt Antsirabe.

Hier bauen 24 Lehrlinge vom Centre Risika, dem Partnerunternehmen von Velafrica, die Fahrräder wieder zusammen. An manchen Velos müssen sie kleine Reparaturen vornehmen. Auch unser oranges Bike hat beim Transport auf den holprigen Strassen etwas gelitten. Beide Räder müssen deshalb erneut zentriert werden, ehe das flottgemachte Velo in den Wiederverkauf gelangt.

Fünf Stunden Schulweg pro Tag

Alex Ravelomananjanahary freut sich. Der 19-Jährige aus einem kleinen Dorf in der Umgebung von Antsirabe ist der neue Besitzer des orangefarbenen Velos aus Bern. Besonders die Federgabel und die stabilen Räder hätten ihn zum Kauf bewogen, sagt er. Rund 120 Franken hat ihn das Occasionfahrrad aus der Schweiz umgerechnet gekostet – eine stolze Summe, die in Madagaskar etwa anderthalb Monatslöhnen eines durchschnittlich verdienenden Arbeiters entspricht. Weil Alex noch zur Schule geht, hätte er sich das Bike selber nicht leisten können. «Meine Eltern haben den grössten Teil bezahlt», sagt er. Den Rest hat er mit seinem Ersparten finanziert.

Die Investition ist es ihm jedoch wert. «Mit dem Fahrrad werde ich von meinem Dorf bis zur Schule künftig weniger als eine Stunde benötigen.» Weil sich seine Familie den Tarif für den Schulbus nicht leisten könne, habe er die 12 Kilometer lange Strecke bisher zweimal pro Tag zu Fuss zurückgelegt. «Dadurch war ich pro Tag etwa fünf Stunden unterwegs.» Nun müsse er nicht mehr um fünf Uhr morgens loslaufen und sei abends zudem früher zu Hause.

Davon profitiert auch seine Familie: Als Bauern sind Alex’ Eltern auf die Mitarbeit von ihm und von seinen Geschwistern angewiesen. «Je früher ich zu Hause bin, desto mehr kann ich meinen Eltern helfen.»

Nach Möglichkeit verkauft die Grossfamilie am 15 Kilometer entfernten Markt Gemüse und Hühner. Die Strecke mit dem Velo statt zu Fuss zurückzulegen, bedeutet für die Familie mehr Zeit, bessere Transportmöglichkeiten und letztlich mehr Einkommen. Alex’ Vater hatte sich deshalb schon vor einiger Zeit ein erstes Fahrrad gekauft. In Zukunft sollen die Wege für die Familie Ravelomananjanahary nun also noch kürzer werden. Dank dem orangefarbenen Mountainbike aus Bern.

Berner Zeitung

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