Einatmen und abtauchen

Herrenschwanden

Mehrere Minuten verbringt sie unter Wasser, ihre Lungen gefüllt mit nur einem Atemzug: Apnoetauchen nennt sich das und ist das Hobby von Corinne Geiser aus Herrenschwanden.

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Corinne Geiser sieht nichts. Hört nichts. Wo sie ist, dorthin gelangt kein Lichtstrahl, und auch der Lärm der Strasse schaffts nicht so weit. Aber Geiser fühlt etwas: wie das Wasser auf ihren Körper presst und ihre Gesichtshaut kühlt – in 14 Metern Tiefe. Eine halbe Stunde vorher steht die 62-Jährige aus Herrenschwanden auf dem Trottoir an der Hauptstrasse in Oberhofen und zieht ihr Badekleid an. Darüber einen Neoprenanzug, den sie zuvor mit Seifenwasser ausgespült hat, damit sie besser reinschlüpfen kann. Auf einem Mäuerchen platziert sie den Rest ihrer Ausrüstung: Flossen, Bleigurt, Schnorchel und Taucherbrille.

Zwei Jahre ist es her, dass Corinne Geiser bei einem Tauchshop in Bern ein Inserat für einen Schnupperkurs im Apnoetauchen entdeckt hat. Sie versprach sich davon Sicherheit für ihr Hobby Gerätetauchen. Ein Defekt mit der Flasche kann schliesslich immer passieren. Die Fähigkeit für Plan B kann da nicht schaden.

«Total fasziniert» war Geiser nach dem Schnupperkurs. Denn sie stellte fest: Das Apnoetauchen ist viel mehr als eine nützliche Lebensversicherung beim Ge­rätetauchen. «Es ist ein gutes Mittel zum Runterfahren.» Dank dem Apnoetauchen fühle sie sich im Alltag viel entspannter. Etwa in ihrem Job als Juristin beim Rechtsdienst der Pensionskasse des Bundes.

Zweite Prüfung im Winter

Die Lockerheit ist auch das Resultat von Entspannungs-, Atem- und Yogaübungen, die jedem Tauchtraining vorangehen. Nachdem Geiser die Kleider gewechselt hat, stellt sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen in einen Halbkreis, ein Mann leitet die Gruppe an. Geiser zieht ihren Arm schräg über den Kopf, das öffnet die Zwischenrippenmuskulatur. Dann verschränkt sie ihre Hände hinter dem Rücken und zieht sie nach unten. So öffnet sich die Brustmuskulatur.

Solche Übungen praktiziert Corinne Geiser auch im Alltag. Oft am Morgen nach dem Aufstehen oder am Abend vor dem Einschlafen. Dazu macht sie mehrmals pro Woche Krafttraining in einem Fitnessstudio und geht joggen und Rad fahren. Diese Fitness nützt auch beim Apnoetauchen. Denn im Winter will sie ihre zweite Brevetprüfung ablegen: Eine Strecke von 70 Metern muss sie dazu mit einem Atemzug unter Wasser zurücklegen, während dreieinhalb Minuten im Wasser liegend die Luft anhalten und 30 Meter tief tauchen.

Tauchen und sichern

Der Leistungsgedanke ist an diesem Abend in Oberhofen weit weg. «Es geht mir um die Entspannung und die Freude an der Sache.» Corinne Geiser ergreift ihr Material und steigt in den 18 Grad warmen Thunersee. Sie schwimmt zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen etwa 20 Meter hinaus aufs offene Wasser. Dort installieren sie eine Boje. Ein an ihr befestigtes Seil wird zusammen mit einem Grundgewicht ins Wasser ge­lassen. Als Stoppmarke dient ein in der geplanten Maximaltiefe am Seil festgemachter Tennisball. Getaucht wird immer in Zweierteams.

Eine Person taucht, die andere bleibt an der Ober­fläche und könnte einschreiten, falls während des Tauchgangs was schiefläuft. Jetzt zeigt sich die Wirkung der Yogaübungen: Je entspannter die Taucherin ist, desto weniger Sauerstoff verbraucht ihr Körper und ent­sprechend länger kann sie mit nur einem Atemzug tauchen. Corinne Geiser macht einige Atemübungen, um ihren Körper mit Sauerstoff anzureichern. Dann nimmt sie einen tiefen Atemzug und taucht ab.

«Wie im freien Fall»

Dabei ist sie mit einer Sicherheitsleine am Seil verbunden. Entweder zieht sie sich kopf­voran am Seil in die Tiefe oder taucht mithilfe der Flossen ab. Bis zu dem Punkt, ab dem der Körper von allein absinkt: «Wie im freien Fall.» Beim Abtauchen muss sie ständig den Druck ausgleichen, damit ihr Trommelfell nicht beschädigt wird. Dazu hält sie sich die Nase zu und drückt mit der Zunge die Luft im Mund zusammen, wodurch diese ins Mittelohr entweicht.

Je nach Entspannungszustand stelle sich der Drang, nach Luft zu schnappen, früher oder später ein. Was natürlich nicht möglich ist, mehrere Meter unter Wasser. Corinne Geiser weiss, wie sie in solchen Situationen reagieren muss. «Es ist eine reine Kopfsache.» Denn wenn das Gefühl zum ersten Mal auftaucht, ist erst ein Drittel des Sauer­stoffes im Blut verbraucht. Angst macht ihr dieser Atemreiz darum nicht.

15 Tauchgänge pro Training

Wie tief sie taucht, bestimmt Geiser, wenn sie noch an der Oberfläche ist. So weiss die Person, die oben wartet, wie lange es ungefähr dauert, bis Geiser wieder auftauchen sollte. Unten angekommen, geniesst sie kurz Stille und Dunkelheit. Danach zieht sie am Seil. Damit signalisiert sie der Sicherungsperson, dass sie auftaucht. Auf dem letzten Drittel des Weges nach oben begleitet sie die Sicherungsperson. Denn dort ist das Risiko, bewusstlos zu werden, am höchsten. Passiert ist das Corinne Geiser noch nie.

«Schön und tief» sei der erste Atemzug nach dem Tauchgang. Nach ihrem eigenen Tauchgang wechselt Corinne Geiser die Rolle und sichert ihren Trainingspartner. Bis zu fünfzehnmal taucht sie ab pro Training. Von Frühling bis Herbst meist im Thuner- oder im Neuenburgersee, von Oktober bis März im Hallenbad.

«Schön und tief»sei der ersteAtemzug nachdem Tauchgang.

Nach dem Training stellt sich Corinne Geiser dem mühsamsten Teil des Abends: Sie muss sich aus dem engen Neopren­anzug befreien. Nach dieser Strapaze zieht sie sich warm an und fährt nach Hause. Dort isst sie eine Mahlzeit – die erste seit dem Mittag. Denn mit vollem Magen taucht es sich eben schlecht.

Berner Zeitung

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