Eine Biber-Wohnung für 17'000 Franken

Kallnach

Der Biber hat einer Strasse im Grossen Moos arg zugesetzt. Die Gemeinde musste sie sperren und will sie nun sanieren. Doch zuerst muss sie dem Biber eine Ersatzbleibe bieten.

Wenn der Biber den Verkehr lahmlegt: Urs Lauper am Tatort in Kallnach.

Wenn der Biber den Verkehr lahmlegt: Urs Lauper am Tatort in Kallnach.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Simone Lippuner

So rein als einzelnes Tier fände er den Biber ja schon niedlich, sagt Urs Lauper. «Aber es gibt einfach zu viele, und sie machen alles kaputt.» Lauper, Gemeinderat in Kallnach, steht auf einer gesperrten Strasse im Walperswilmoos, sie verbindet die Felder mit der Hauptstrasse nach Treiten und Kerzers. Und sie ist kaputt. Voller Risse, unterhöhlt, die Betonplatten hängen quasi in der Luft.

Daneben fliesst der Haupt­kanal, der später in die Broye und den Neuenburgersee mündet. Genau diese Nähe von Bach und Strasse ist hier im Grossen Moos, an der Grenze von Kallnach zu Treiten, das Problem. Der Biber hat sich ein stattliches Territorium mit nicht weniger als fünf unter Wasser liegenden Zugängen zum Hauptbau geschaffen. Die Gänge führen unter der Strasse durch bis zur gegenüberliegenden Wiese, wo sich der Bau befindet.

Konsequenz: Der Hang rutscht, die Strasse ist futsch. Sie musste gesperrt werden. «Ein Auto kann hier noch fahren, aber bei einem Traktor mit Anhänger wird es bereits kritisch, die Strasse würde einstürzen», sagt Urs Lauper. Also muss saniert werden. 50'000 Franken, schätzt der Gemeinderat, ein Drittel davon kostet die neue Wohnung für den Biber. Er hat das Bleiberecht und erhält einen Kunstbau für 17'000 Franken.

Konflikte und Konzepte

Aktuell läuft das Baubewilligungsverfahren für die Biber-Immobilie. Im Grossen Moos hat man schon Erfahrung mit sogenannten Biberkonflikten – es gibt Konzepte und Merkblätter, wie in diesem Spannungsfeld zwischen Natur und landwirtschaftlicher Nutzung vorzugehen ist. Denn das Seeland ist das Biberland schlechthin: Hier fühlen sich die Tiere aus verschiedenen Gründen pudelwohl (siehe Zweittext).

«Wir kämpfen in Kallnach schon seit zwei Jahren mit dem Problem, aber jetzt hat es sich dermassen zugespitzt, dass wir rasch handeln müssen», sagt Urs Lauper. Zwar sei diese Strasse nicht sehr stark befahren, aber für die Landwirte dennoch wichtig für ihre Transporte. Lauper: «Vor allem im Herbst, wenn Rübenzeit ist, verkehren hier täglich sicher gegen fünfzig Schwertransporter.»

Ist das Bewilligungsverfahren durch, wird sich der Wildhüter noch ein konkreteres Bild der Situation machen müssen. Leben überhaupt noch Biber im Bau? Wie viele Tiere? Haben sie Junge? Wenn ja, gilt Schonfrist. Dann darf die Gemeinde erst im Herbst mit den Sanierungsarbeiten starten. Wenn nicht, fahren die Maschinen Mitte Juli auf. «Hoffentlich können wir im Sommer noch loslegen», so Lauper. Vor drei Jahren sei nämlich ein Stück weiter schon einmal ein Traktor eingestürzt. Das wolle man nicht noch einmal erleben.

Bitte kein Hunde-Pipi

Lässt sich denn der Biber so einfach verpflanzen? Urs Lauper ist optimistisch. In Ins und Müntschemier habe man ebenfalls künstliche Bauten errichtet, «sie Tiere haben das neue Zuhause akzeptiert.» Doch heikel seien die Biber schon, «die wollen ein Fünfsternzimmer mit Frühstück», lacht Lauper.

Der Bau wird mit einer Betonröhre und Lichtschachtelementen errichtet, in unmittelbarer Nähe zum bestehenden Eingang. Der Stollen hat einen Durchmesser von einem halben Meter, der Hauptbau wird drei Meter lang sein. Der Biber unterteilt diesen Bereich in einen Essens- und einen Schlafplatz.

Der Eingang unter Wasser wird mit Steinen geschützt sein. Auch das Belüftungsrohr, das auf der gegenüberliegenden Wiese aus dem Boden ragen wird, muss erfahrungsgemäss mit einem Steinhaufen geschützt werden. Urs Lauper: «Wir hatten in Müntschemier den Fall, dass Hunde an das Rohr uriniert haben. Das hat dem Biber gar nicht gepasst, er ist aus seiner neuen Wohnung rasch wieder ausgezogen.»

Hört man Urs Lauper zu, spürt man doch eine gewisse Sympathie für den Biber heraus. Sie repräsentiert die ambivalente Einstellung gegenüber diesem Tier: einem niedlichen Nager, der sich seinen Lebensraum zurückerobert. Er soll dabei aber bitte keinen Schaden anrichten. Denn das kostet Geld.

Für Lauper der schmerzliche Teil der Geschichte: 50'000 Franken, die wohl zum grossen Teil zulasten der Gemeindekasse gehen. Und am Schluss muss der Plan auch noch aufgehen. Akzeptiert der Biber seine neue Bleibe nicht, müssen die Behörden nochmals über die Bücher. «Einen Plan B haben wir noch nicht», sagt Lauper.

Berner Zeitung

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