Eine bittere Pille

Einem Mann blieb eine halbe Tablette im Hals stecken. Er wollte das als Unfall taxiert haben. Das Verwaltungsgericht stützt nun die Versicherung: Es war kein Unfall. Der Mann hat dramatisiert.

Alles fing mit einer Tablette an, die ein Mann hastig und ohne Wasser schlucken wollte.

Alles fing mit einer Tablette an, die ein Mann hastig und ohne Wasser schlucken wollte.

Hans Ulrich Schaad

Es muss ein stressiger Morgen gewesen sein für den Mann aus der Region. So jedenfalls ist es dem Unfallbericht zu entnehmen, den er seiner Versicherung zukommen liess. Um den Zug nicht zu verpassen, rannte er vom Treppenhaus zurück in die Küche, nahm hastig die Tablette, halbierte sie mit dem Messer und warf sie in einer «unkoordinierten Bewegung ruckartig in den Rachen», um sie ohne Wasser zu schlucken».

Dies wirkte sich beim Mittagessen aus. Der Mann konnte Karottenstücke nicht runterschlucken, sie blieben im Hals stecken. Er bekam Panik und ging sofort in die Notfallaufnahme des Inselspitals. Er war dreieinhalb Tage arbeitsunfähig, die Arztrechnungen beliefen sich auf gut 6000 Franken. Die Krankenkasse übernahm die Kosten, dem Mann blieb die Franchise. Im Verfahren vor dem Verwaltungsgericht ging es darum, ob der Vorfall als Unfall taxiert werden kann und die Versicherung alle Kosten übernehmen muss.

Der Einzelrichter kommt klar zum Schluss: Es handelte sich um keinen Unfall. Die Beschwerde wird abgewiesen. Es fehle das Merkmal des «ungewöhnlichen äusseren Faktors». Das Einnehmen einer Tablette sei vergleichbar mit dem Essen von Nahrungsmitteln. Auch sei das Kriterium einer «schädigenden Einwirkung» nicht erfüllt.

Es komme zwar häufig zu Verletzungen, wenn eine Tablette in der Speiseröhre stecken bleibe, heisst es im Urteil. Im vorliegenden Fall wurden bei der Rachen-, Speiseröhre- und Kehlkopfspiegelung keine Auffälligkeiten entdeckt. Der Mann konnte das Spital in gutem Allgemeinzustand verlassen.

Und überhaupt: Laut Einzelrichter dürfte sich der Vorfall weit weniger dramatisch abgespielt haben. Gemäss der ersten Meldung an die Versicherung blieb dem Mann beim Frühstück eine halbierte Tablette im Hals stecken. Erst nach der formlosen Leistungsablehnung sei die «dramatischere Version» ins Spiel gekommen.

Berner Zeitung

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