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Erinnerungen an einen Ausnahmezustand

Auch nach einem Jahr ist Gabriele S. in Bolligen ein Thema. Ihr Unterschlupf ist noch immer so, wie sie ihn zurückgelassen hat.

Rudolf Burger im Wald bei Bolligen. Der Holzunterschlupf im Hintergrund diente der Waldfrau Gabriele S. als Nachtlager.
Rudolf Burger im Wald bei Bolligen. Der Holzunterschlupf im Hintergrund diente der Waldfrau Gabriele S. als Nachtlager.
Stefan Anderegg

Schnee liegt auf dem Waldweg, die Temperatur liegt unter dem Gefrierpunkt. Es ist richtig winterlich an diesem Januarmorgen in Bolligen, Handschuhe und Mütze sind empfehlenswert. Doch Rudolf Burger relativiert die Kälte. «Vor einem Jahr», erzählt der Gemeindepräsident, während er durch den Schnee den Hang hinauf stapft, «vor einem Jahr war es viel kälter. Mindestens minus 15 Grad, und zwar tagelang.» Deshalb entdeckten die Behörden schliesslich jene Frau, die die Gemeinde Bolligen letzten Januar in die internationalen Schlagzeilen katapultierte: die Deutsche Gabriele S., die Waldfrau von Bolligen.

Die Entdeckung

Gabriele S. wohnte in einem kleinen Unterschlupf im Waldstück. 12 Jahre lang hatte sie als verschollen gegolten, hatte Familie und das sesshafte Leben hinter sich gelassen und war durch Europa gezogen. Familiäre Probleme und der Drang nach Freiheit und Lebenserfahrung hatten sie zu diesem Ausstieg bewogen. Mindestens zwei Bolliger Familien war die Frau, die jede Nacht draussen im Wald übernachtete, längst aufgefallen. Als die Temperaturen so tief waren, sorgten sie sich um die Gesundheit von Gabriele S. Und erzählten den Behörden von der Waldfrau.

Die Spurensucher

«Warum ausgerechnet ich?» Das fragte sich Rudolf Burger, als er von der Waldfrau erfuhr. Der heute 59-Jährige war damals erst seit wenigen Tagen im Amt als Gemeindepräsident. Eigentlich hätte er sich in Ruhe einarbeiten wollen. Doch dann begann der Medienrummel.

«Hier warteten am zweiten Tag, als wir Gabriele S. besuchten, Fernsehleute», erzählt Burger und biegt vom Weg links auf einen schmalen Pfad ein. Steil geht es nun in den Wald hinauf. «Die Fernsehreporter hatten den Tipp bekommen, dass sich der Unterschlupf der Waldfrau hier in der Nähe befinde», so Burger. Der Förster und die Behörden fuhren extra mit dem Jeep einen Umweg – doch sie wurden trotzdem gesehen. «Ich erlaubte dann einer Journalistin, mitzukommen. Aber ohne Kamera.» Die Spuren im Schnee aber führten dann weitere Journalisten und Fotografen zu Gabriele S.

Der Unterschlupf

Links und rechts des Pfades liegt gefälltes Unterholz mit dürren Blättern. Es wurde erst letztes Jahr gerodet. «Ich fand den Unterschlupf anfangs gar nicht mehr, als ich kürzlich hier war», sagt Burger. Es sehe hier anders aus heute. Er bleibt stehen und sucht den Wegrand ab. «Doch, wir sind am richtigen Ort. Der Baumstrunk dort ist mein Orientierungspunkt.» Wieder zweigt Burger links ab. Mittlerweile ist auch kein Pfad mehr zu sehen. Dafür rauscht in der Nähe der Verkehr der Autobahn. In der Raststätte Grauholz hatte die Waldfrau manchmal eine Mahlzeit offeriert bekommen.

Nach etwa fünfzig Metern bleibt Burger stehen und zeigt auf einen Holzverschlag. Er besteht aus ein paar Wänden und ein paar Brettern, die lose darüberliegen. Dort übernachtete die Waldfrau. «Sie hatte die Bretter als Dach zurechtgerückt, einen Schirm und ein Tuch darübergespannt.» Der Ort sieht noch so aus, wie ihn Gabriele S. vor einem Jahr zurückgelassen hat. Damals, als die Geschichte mit der Waldfrau ein Happy End fand.

Das Happy End

Das Happy End fand im Gasthof Alpenblick statt. Dort traf Gabriele S. nach 12 Jahren ihre Schwester wieder und fuhr mit den Worten «meine Mission ist beendet» zurück nach Deutschland. Seither hat Rudolf Burger nichts Persönliches mehr von ihr gehört. «Ihre Schwester teilte uns im März mit einer Mail mit, wie es Gabriele S. geht. Doch sie selber wünscht keinen Kontakt mehr.»

Vergessen ist die Waldfrau in Bolligen aber nicht. Gerade jetzt, da die Geschichte ein Jahr her ist, wird Burger häufig auf Gabriele S. angesprochen. Mittlerweile denkt er gerne an jene Tage zurück, an denen in Bolligen der Medientross vorfuhr. Spannend sei es gewesen, einmal auf der anderen Seite zu stehen, sagt Burger, der selber Journalist ist.

Heute noch ist er froh, dass die Begegnung mit der Waldfrau eine so gute Wende nahm. «Wenn Gabriele S. nicht freiwillig aus dem Wald gekommen und in ihre Heimat zurückgekehrt wäre, oder wenn sie zum Beispiel gegen ihren Willen in eine Klinik hätte eingewiesen werden müssen, wäre die Geschichte weniger gut ausgegangen.»

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