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Familie fühlt sich vom Staat im Stich gelassen

Vor fünf Jahren wurde die Familie Tinguely aus Bösingen im Schlaf überfallen. Ein Entscheid des Kantons Freiburg hat sie erneut erschüttert.

Karin Aebischer
Mitten in der Nacht wurde das Ehepaar Tinguely von brutalen Einbrechern überfallen (Symbolbild).
Mitten in der Nacht wurde das Ehepaar Tinguely von brutalen Einbrechern überfallen (Symbolbild).
Fotolia

Eine schreckliche Nacht Ende Juni 2012 hat das Leben von Markus und Berta Tinguely aus Bösingen für immer verändert. Kurz zuvor hatten sie den Umbau ihres Karosseriebetriebs und zusammen mit der jüngeren Tochter Stephanie den 30. Geburtstag der älteren Tochter Caroline gefeiert. «Es konnte uns nicht besser gehen. Kurz darauf befanden wir uns in der Hölle», sagt Caroline Tinguely heute.

Die Eltern wurden mitten in der Nacht in ihrem Haus in Bösingen mit Schlägen aus dem Schlaf gerissen und überfallen. Der Raub­überfall, dessen Täterschaft bis heute nicht ermittelt werden konnte, war von äusserster Brutalität. Markus Tinguely lag anschliessend tagelang im Koma, im Unterkiefer hat er noch heute kein Gefühl mehr. Berta Tinguely wacht noch immer jede Nacht genau um die Uhrzeit des Überfalls auf. Dank verschiedener alternativer Therapien gehe es ihr heute gut, erzählt sie.

In Verdacht geraten

Kurz nach dem Überfall sei die Anteilnahme aus der Bevölkerung riesig gewesen, erinnert sich Caroline Tinguely, seit 2008 Geschäftsführerin des Familienbetriebs an der Industriestrasse. In Bösingen hätten viele Angst gehabt, dass ihnen dasselbe passieren könnte. Doch auf einmal habe der Wind gedreht: Die vierköpfige Familie sei in Verdacht gestanden, etwas mit dem Überfall zu tun gehabt zu haben. Das hätten ihnen vor allem die Behörden zu spüren gegeben. «Mir leuchtet ein, dass die Polizei zu Beginn alle Möglichkeiten prüft. Doch wir wurden nicht wie Opfer, sondern wie Täter behandelt.»

Mehr und mehr fühlte sich die Familie im Stich gelassen. Etwa zwei Wochen nach dem Überfall sei zwar ein Mitarbeiter der Opferhilfe Freiburg vorbeigekommen, erzählt Caroline Tinguely. Er habe unter anderem gesagt, sie müssten wegen einer allfälligen Entschädigung alle Quittungen für Ausgaben im Zusammenhang mit dem Vorfall aufbewahren.

Negativer Entscheid

Die Familie folgte der Empfehlung und teilte 2013 dem So­zialamt via Rechtsanwalt André Clerc mit, dass sie um Entschädigung und Genugtuung ersuche und um ein Treffen bitte. Eine Einladung für ein Treffen erhielten sie nicht. Erst 2015 teilte das Sozialamt der Familie mit, sie müsse noch die amtlichen Formulare ausfüllen und eine genaue Kostenliste einreichen. Das haben Tinguelys mit Gesuch vom März 2015 getan. «Wir haben viel geliefert und wurden lange vertröstet», sagt Anwalt Clerc.

Schliesslich kam es doch zur Sitzung mit dem Sozialamt. Die Kosten, die Tinguelys für die von keiner Versicherung gedeckten Leistungen errechnet hatten, beliefen sich auf 40'000 Franken. Der Vertreter des Sozialamtes verlangte zu allen Posten einen Bericht. So kamen zehn Seiten zusammen, die die Familie im Oktober 2016 eingab.

Im November fiel der Entscheid des Sozialamtes: Es werde keine Entschädigung gesprochen, weil die Familie zu vermögend sei. Eine Genug­tuung – diese ist nicht vom Einkommen abhängig – gab es für Berta und Markus Tinguely allerdings. Sie erhielt 5000 Franken, er 9000 Franken. Dem stehen ­Anwaltskosten von rund 9800 Franken gegenüber.

Für Tinguelys war der Entscheid ein Schock. Nicht wegen des Geldes, sondern weil sie gehofft hatten, endlich mit dem Ereignis abschliessen zu können. «Dass wir für eine Entschädigung zu viel Kapital haben, hätte man uns schon 2013 sagen können», sagt Caroline Tinguely. Sie hätten schon früh ihre Veranlagungs­anzeigen eingereicht und nie behauptet, arm zu sein.

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