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Fan mit Champagner und Stumpen

Der Berner Bruno Kislig war schon beim letzten Meistertitel 1986 dabei. Den neuen Titel hat der 65-jährige Ostermundiger mit Cham­pagner und Stumpen gefeiert.

Erkennungszeichen Treichel: Bruno Kislig aus Ostermundigen kann nun darauf die Unterschriften der neuen Titelhelden hinzufügen.
Erkennungszeichen Treichel: Bruno Kislig aus Ostermundigen kann nun darauf die Unterschriften der neuen Titelhelden hinzufügen.
Beat Mathys

Vor der Stadionbar Eleven braucht Bruno Kislig immer gleich einen Schluck Bier. Er zieht sich die Mütze vom Kopf und stellt seine Treichel ab. Das Bier hat er sich verdient, denn der 65-Jährige hat immer «äs Gschleipf», wenn er an den Match kommt. 13 Kilogramm wiegt die Treichel, die er seit 1985 an die YB-Heimspiele mitschleppt. «Früher habe ich sie auf einem Käseräf auf dem Rücken mitgenommen», erzählt der YB-Fan. Und kramt ein Foto hervor, auf dem er – einige Jährchen jünger – samt Treichel auf einem Roller sitzt. Ein Freund hatte sie ihm geschenkt. Seither wurde die Treichel so oft geschwungen, dass das Metall eine Kerbe von den Schlägen hat.

Brünu, wie ihn alle nennen, wohnt mit seiner Frau Rita auf der Rüti in Ostermundigen. Sie ist es auch, die ihm jedes Jahr zu Weihnachten das YB-Abo schenkt. Die beiden Söhne sind längst ausgeflogen, und so hat Brünu das Kinderzimmer umfunktioniert. «Das ist mein YB-Zimmer», erzählt er stolz und stösst die Türe auf.

Erinnerungsfotos der Meistermannschaft ­zieren die Wände. An der Türe hängen ein Dutzend Trikots, knapp 20 Schals gehören Brünu. Auf der Bettwäsche ist Stéphane Chapuisat abgebildet. Hinter einer Glasscheibe hängt der linke Handschuh des Meistertorwarts Urs Zurbuchen, das Material ist spröde geworden. Brünu fing ihn nach dem Sieg 1986 auf der Maladière in Neuenburg auf. Signierte Autogrammkarten füllen ganze Ordner, ein blutjunger Marco Wölfli grinst von einer Karte. Vom langjährigen YB-Goalie hat er insgesamt 14 unterschriebene Karten. «Den Titel gönne ich ihm so sehr», sagt Brünu.

«Das Bernervolk braucht etwas länger, bis es euphorisch wird.»

Bruno Kislig

Die Utensilien lassen ihn in Erinnerungen schwelgen, etwa ans alte Wankdorf und an die Zeit, als er noch an die Auswärtsspiele gefahren ist. Nach der Entscheidung in Neuenburg 1986 habe er bloss zwei Bier getrunken, danach sei er zurück nach Bern gekehrt. «Ich dachte, dass in der Stadt der Teufel los sein wird, aber dort herrschte tote Hose. Wir haben in der Bellevue-Bar einige Biere getrunken.»

Dass heuer in der Stadt Bern nichts los sein könnte, fürchtete er nicht. «Ich war so lange auf der Gasse, bis mir das Geld ausging.»

Auch der Security kennt ihn

Vor jedem Spiel sei er heute immer noch so nervös, dass er nichts essen könne, erzählt Brünu. «Seit sich ein Titel abgezeichnet hat, habe ich nicht mehr so gut geschlafen», sagt er, und sein sympathisches Lachen erfüllt den Raum. Eine Stunde vor dem Spiel macht er sich jeweils auf den Weg, und wenn er die Nachbarn ärgern will, schwingt er die Treichel bereits auf dem Weg zur Bushaltestelle.

Beim Eleven trifft er meist Hansli Jau. Begrüsst wird er nicht nur von ihm: «Hallo Brünu», tönt es von allen Seiten. Auch der Sicherheitsmann bei der Einlasskontrolle kennt ihn, so muss er gar nicht erst seine Sonderbewilligung zücken, um die Treichel ins Stadion zu bringen.

Durch einen Zwischenfall kam er zu der Bewilligung: «Als einmal ein neuer Security am Eingang stand, musste ich die Treichel stehen lassen», erzählt er. Viele Fans hätten den Sicherheitsmann zusammengestaucht. Der Mann schämte sich so sehr, dass er sie am liebsten persönlich reingetragen hätte, aber er wusste nicht, wo sich Brünu die Partie anschaute. Danach stellte ihm YB die Bewilligung aus.

Ein Fanmarsch auf die Rüti

Meistens sitzt Brünu im Sektor D9, rund um ihn knapp ein ­Dutzend Pösteler. «Wir reden ­natürlich über das Spiel und die Schiedsrichterentscheidungen. «Diskutieren darf man ja, auch wenn es nichts bringt», sagt er. Seine Treichel setze er ein, wenn es der Mannschaft nicht mehr laufe. «Oder um sie gegen den Schluss anzufeuern, damit sie im Kopf nicht schon in der Kabine sind», sagt Brünu. In der Rückrunde musste er die Spieler nicht gross anfeuern, da sie meist sowieso als Sieger vom Platz gingen. Die grosse Treichel kann er allerdings im D9 gar nicht einsetzen, weil er dort nicht genug Platz hat. Deshalb hat er eine zweite, die sechs Kilogramm wiegt.

Wie jedes Jahr hat er auf einen Cupsieg gewettet. Anders als in anderen Jahren habe sein Wettkumpan ihn im Dezember gefragt, ob er auf den Meistertitel umschwenken wolle. «Ich habe es beim Cup belassen. Wichtiger ist mir aber sowieso der Meistertitel», gibt Brünu zu. Auch dieses Jahr habe er gehofft, dass es für einen «Chübu» reichen werde. «Jetzt haben wir es endlich geschafft. Auch weil wir eine gute Ersatzbank haben, jeden Verletzten könnten wir gleichwertig ersetzen», sagt er. Dass die Euphorie in der Stadt erst spät einsetzte, ist er sich gewohnt: «Beim letzten Meistertitel 1986 wurden die Leute auch erst in der Rückrunde euphorisch. Das Bernervolk ist halt so, es dauert immer etwas länger.»

Noch im Stadion zündete er sich einen Siegesstumpen an, und den im Haaraffen mitgebrachten Champagner liess er vom Sicherheitsdienst bewachen.

Die Meister-Autogramme

Nach der Übergabe des «Chübus» beim letzten Heimspiel verfolgt er ein Ziel: «Ich werde mit der Treichel auf die Rüti marschieren, was bis zum Morgen dauern wird.» Später will er seine Treichel ins Training schleppen und die Unterschriften der neuen Meister neben die alten, recht verblassten Namen wie Lunde, Bregy und Co setzen lassen. Denn nun hat YB neue Helden.

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