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War der «goldene Schuss» gewollt? – Bernerin vor Gericht

Eine drogensüchtige 27-Jährige setzte mit Spritze dem Leben eines betrunkenen Mannes ein Ende. Beihilfe zum Selbstmord? Ein Versehen? Das müssen die Richter beurteilen.

Gemäss Anklage soll die Beschuldigte gewusst haben, dass die Injektion zum Tod führen würde – dennoch besorgte sie ihm die Drogen.
Gemäss Anklage soll die Beschuldigte gewusst haben, dass die Injektion zum Tod führen würde – dennoch besorgte sie ihm die Drogen.

Wie kommt eine 27-jährige Frau dazu, einem Mann eine so hohe Dosis Heroin und Kokain zu spritzen, dass dieser stirbt? «Er wollte das», sagte die Frau am Montag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland. Einige Minuten später verteidigte sie sich: «Ich konnte ja nicht damit rechnen, dass es ihn gleich ‹umtuet›.»

Viel mehr Erhellendes zur Tat brachte der Richter nicht aus der Angeklagten heraus. Sie habe schon alles erzählt, sagte sie. «Deshalb will ich es wirklich nicht noch mal erzählen.» Die Aussagen einer Zeugin tat die Frau als Lüge ab. Auf die Rück­frage des Richters, warum die Zeugin lügen sollte, antwortete sie: «Weil sie eine blöde Kuh ist.»

Wollte der Mann sterben?

Ihre Tat liegt knapp zwei Jahre zurück. An einem Novemberabend haben sich die Frau und das ihr zuvor unbekannte Opfer vor dem Restaurant Casa Marcello an der Aarbergergasse getroffen.

Der Mann hatte um die zwei Promille Alkohol im Blut. Er wollte von der drogenabhängigen Frau, dass ihm diese alles organisiere, damit sie ihm einen Schuss setzen könne, da er selber keine Erfahrung mit Spritzen hatte. Er gab ihr dafür 550 Franken.

Der Rest ist strittig. Die Angeklagte sagte, der Mann habe sie darum gebeten, mit einem «goldenen Schuss», also einer Drogenüberdosis, seinem Leben ein Ende zu setzen. Deshalb besorgte die Beschuldigte Heroin und Kokain und ging mit dem Mann an den Frickweg unter der Kirchenfeldbrücke.

Dort zog sie zwei Spritzen auf: eine mit Heroin, die andere mit einem Heroin- Kokain-Gemisch. Letztere spritzte sie dem Mann in die Armbeuge. Er war Drogen nicht gewohnt. Gut eine Stunde nach dem Schuss war er tot.

Der Staatsanwalt hält es für wahrscheinlich, dass der alkoholsüchtige Mann tatsächlich lebensmüde gewesen sei und die Frau im Auftrag des Sterbewilligen gehandelt habe. «Sie ist dem Auftrag erfolgreich nachgekommen», so der Staatsanwalt, er fordert für die vorsätzliche Tötung 45 Monate Gefängnis oder – «im Sinn der berühmten allerletzten Chance» – eine Therapie in einer geschlossenen Klinik.

Wollte er nur einen Flash?

Die Anwältin der ehemaligen Lebenspartnerin des Mannes widersprach jedoch den Schilderungen der Angeklagten und des Staatsanwalts: Der Mann habe «bloss mal einen Flash» gewünscht und wollte sich «richtig zuknallen». Sie führte ins Feld: «Noch am Morgen hat sich der Mann ein ÖV-Monatsabo für den Arbeitsweg gekauft.

Wer sich am Abend umbringen lassen möchte, macht das nicht.» Der Angeklagten sei es «schlicht egal» gewesen, ob das Opfer eine Überdosis bekomme. Für das angebotene Geld sei sie bereit gewesen, alles zu machen.

Sonst hätte sie dem Opfer nach dem tödlichen Schuss nicht auch noch das Portemonnaie und das Mobiltelefon aus der Tasche genommen. Die Anwältin forderte für die ehemalige Lebenspartnerin des Opfers und die gemeinsame 12-jährige Tochter 30 000 Franken Genugtuung.

Wollte die Frau ihn retten?

Noch einmal anders lautet die Version, die der Verteidiger der angeklagten Frau vorbrachte: Das Opfer sei sehr wohl lebensmüde gewesen und habe um den «goldenen Schuss» gebeten. Doch seine Mandantin habe nicht vorgehabt, den Wunsch zu erfüllen, sondern habe extra zwei Spritzen vorbereitet. Sie habe dann wohl irrtümlich den starken Heroin-Kokain-Cocktail dem Opfer statt sich selber gespritzt.

Als die Frau nach dem Spritzen feststellte, dass es dem Mann schlecht ging, liess sie ihn zwar liegen, doch alarmierte sie die Sanitätspolizei. Die Tat, so der Verteidiger, sei deshalb als fahrlässige Tötung zu werten, 10 Monate Gefängnis sehe er als eine angemessene Strafe dafür. Am Mittwoch wird das Gericht sein Urteil verkünden.

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