Generationenwechsel auf der Rüti

Ostermundigen

Vor 50 Jahren wurde das Rütiquartier bezogen. Zu Spitzenzeiten lebten hier 3000 Menschen, heute sind es noch 1700. Doch allmählich beginnt in den Wohnungen, in denen einst vor allem Pöstler lebten, ein Generationenwechsel.

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Markus Zahno

Jakob Weishaupt steht zwischen den blauen Wohnblöcken auf der Rüti. Er zeigt zu einem der Hauseingänge. «Früher gingen hier 30 oder mehr Kinder ein und aus», erzählt der Präsident des Quartiervereins. Heute dagegen gebe es Häuser, in denen kein einziges Kind mehr wohne.

Die Siedlung auf dem Rütihoger entstand vor 50 Jahren. Weil zu jener Zeit das Rechenzentrum der PTT von Zürich nach Bern verlegt wurde, kaufte der Bund 40 000 Quadratmeter Land und stellte es der Wohnbaugenossenschaft (WBG) Bantiger zur Verfügung. Sie baute 270 Wohnungen, die ausschliesslich an PTT-Angestellte und Bundesbeamte abgegeben wurden. Zudem mussten sie Kinder haben; je mehr Kinder, desto grösser die Wohnung. Auf diese Weise entstand ein kinderreiches Quartier, das seither in mehreren Etappen gewachsen ist. Heute ist es 900 Wohnungen gross. Als Letztes wurde vor sieben Jahren der Terrassenrain fertiggestellt – 59 Eigentumswohnungen mit unverbaubarer Aussicht und grösstenteils siebenstelligen Kaufpreisen.

Die imaginäre Grenze

Doch trotz Wachstum hat die Zahl der Bewohner nicht zu-, sondern abgenommen. Einst wohnten 3000 Leute auf der Rüti, heute sind es noch rund 1700. Viele zogen vor 50 Jahren als junge Familien ein, heute sind sie ­Senioren. Entsprechend hoch ist der Altersdurchschnitt, entsprechend tief sind die Kinderzahlen. Es gab Zeiten, in denen die zwei Kindergärten auf der Rüti nicht reichten, um alle Kinder aufzunehmen. Heute haben sie in einem Kindergarten Platz. Doch allmählich setze ein Generationenwechsel ein, sagt Jakob Weishaupt. Senioren gehen, jüngere Familien kommen.

Weishaupt geht auf dem Rütiweg durch das Quartier. Diese Strasse sei eine Art unsichtbare Grenze, erklärt er. Rechts der Strasse stehen die Wohnblöcke mit den geraden Hausnummern. Sie gehören unterschiedlichen Besitzern und sind nicht alle in gleich gutem Zustand. In diesen Häusern leben auch sozial schlechter gestellte Leute, der Ausländeranteil ist höher, die Mieter wechseln häufiger.

Günstige Mietzinse

Auf der linken Seite des Rütiwegs hat es Eigentumswohnungen und die Häuser der WBG Bantiger. Letztere ist im Moment daran, die Gebäude aussen zu sanieren: neue Isolation, grössere Balkone, leuchtend blauer Anstrich. Auch im Innern seien die Wohnungen in einem sehr guten Zustand, sagt Jürg-Sven Scheidegger von der WBG Bantiger. Die Preise sind günstig: 5 Zimmer gibt es für unter 1400 Franken inklusive Nebenkosten. Längst sind die Wohnungen nicht mehr nur Bundesangestellten mit Kindern vorbehalten, sondern stehen allen offen. Bei gleichwertigen Bewerbern werden Bundesangestellte laut den Statuten der Genossenschaft aber bevorzugt behandelt.

Bei manchen Aussenstehenden habe die Rüti nicht den besten Ruf, sagt Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos). Das sei erstaunlich, denn: «Bei genauem Hinsehen hat die Rüti viele Qua­litäten.» Zum Beispiel sei das Quartier ruhig, grenze direkt an das Naherholungsgebiet Ostermundigenwald und sei gut durch den ÖV erschlossen. Für die direkte Busverbindung von und nach Bern mussten die Rütianer lange kämpfen. Sie wurde erst 1994 bis auf die Rüti geführt.

Umsteigen aufs Tram?

Bald soll der heutige Zehnerbus durch ein Tram ersetzt werden, das aber schon im Oberfeld enden würde. Für das letzte Teilstück auf die Rüti müsste man auf einen Shuttlebus umsteigen. Quartiervereinspräsident Jakob Weishaupt, der auch für die SP im Gemeindeparlament sitzt, könnte damit leben. «Dafür würde der Shuttlebus weiter hinauf ins Quartier fahren», sagt er. Heute endet der Zehnerbus bei den untersten Häusern der Rüti. Deshalb stehe die Mehrheit der Rüti-Bevölkerung hinter dem Tramprojekt, nimmt Weishaupt an. Es gibt aber auch Gegner: An der Bushaltestelle hängt ein Unterschriftenbogen für das Referendum «gegen das Luxus-Tram nach Ostermundigen».

Weniger soziale Kontakte

Jakob Weishaupt schreitet an der Rüti-Post und am Lebensmittelladen vorbei. Beide sind geschlossen. Auch für das Rüti-Restaurant sei das Quartier «ein harter Boden», erklären Hanni und Peter Frey, die 34 Jahre lang hier wirteten. Heute wird das Restaurant von einer portugiesischen Familie geführt, die vor allem dank portugiesischen Stammgästen über die Runden kommt. «Die sozialen Kontakte auf der Rüti haben abgenommen», sagt Jakob Weishaupt. «Man kommt seltener miteinander ins Gespräch.» Deshalb wollte der Quartierverein einen Treff einrichten, wo man ohne Konsumationszwang gemütlich beisammen sein kann. Doch das Echo war derart gering, dass der Verein die Idee schliesslich fallen liess.

So erstaunt es nicht, dass Quartiervereinspräsident Weishaupt und Gemeindepräsident Iten für die Zukunft den gleichen Wunsch haben: dass sich die langjährigen Rütianer und die zugezogenen Familien wieder besser durchmischen.

Berner Zeitung

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