Gericht erteilt Gewerbeschule schlechte Noten

Bern

Ein Lehrling erhält, ohne alle Prüfungen bestanden zu haben, ein Fähigkeitszeugnis. Grund für den skurrilen Fall vor dem Verwaltungsgericht ist die Software Evento.

Das Gericht gibt einem Lehrling recht: Er erhält ohne bestandene Prüfung ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Informatiker. (Symbolbild)

Das Gericht gibt einem Lehrling recht: Er erhält ohne bestandene Prüfung ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis als Informatiker. (Symbolbild)

(Bild: Keystone)

Dreimal hat ein Lehrling die Abschlussprüfung zum Informatiker abgelegt, dreimal fiel er durch. Jetzt erhält er trotzdem ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis. Das hat das Verwaltungsgericht entschieden.

Grund für das Urteil sind Fehler der Software Evento, welche die Gewerblich-Industrielle Berufsschule Bern (Gibb) zur Notenerfassung seit 2006 einsetzt. Die teure Software hat schon öfter Probleme verursacht (siehe Infobox).

Dem Lehrling teilte die Software für das Jahr 2008 für die Erfahrungsnote in einem Modul die Note 3 zu. Bei den drei Prüfungen in den Jahren 2009, 2010 und 2012 rechnete die Gibb jedoch mit der Erfahrungsnote 2.

Aus dieser und aus den Prüfungsnoten wurde die Schlussnote ermittelt. Die Geschichte wiederholte sich im Fach Englisch: 2009 erhielt der Lehrling die Erfahrungsnote 4, 2012 war daraus die Note 3,5 geworden.

«Krasse» Fehler der Gibb

Für den Informatiker waren die Änderungen der Noten entscheidend: An der Prüfung 2012 erzielte er in drei von vier Bereichen, die genügend abgeschlossen werden müssen, insgesamt einen Notenschnitt von 4,3. Im vierten Bereich scheiterte er mit einem Schnitt von 3,9.

Mit den Erfahrungsnoten

von 2009 hätte er eine 4 erreicht und ein Fähigkeitszeugnis erhalten. Bei der Änderung der Noten habe die Gibb «elementare Vorschriften in krasser Weise verletzt», schreibt das Verwaltungsgericht in seinem Urteil vom 13. Oktober. Die Gibb habe weder den Lehrling vorgängig informiert noch begründet, wieso sie die Noten änderte, bemängelt das Gericht.

Printscreen ist kein Beweis

Die Gibb gibt an, Evento habe aufgrund einer technischen Störung die ersten Noten falsch ausgegeben, als Beweis liefert sie einen Printscreen der Software.

Das Gericht hält dagegen, dass diese Datei die «Richtigkeit der tieferen Erfahrungsnote nicht beweist», da die Software unzuverlässig sei. Die Gibb wiederum räumt ein, dass zwischen 2008 und 2009 wiederholt Zeugnisse mit falschen Noten ausgestellt worden seien. Heute besitzen weder die Schule noch der ehemalige Lehrling Unterlagen, mit denen sich im Nachhinein die richtige Note eruieren liesse.

Wegen der Unzuverlässigkeit von Evento hätten die Lehrpersonen der Gibb in den Zeugnissen «zumindest die ungenügenden Noten überprüfen müssen», damit diese später auf die Notengebung hätte zurückkommen können, so das Gericht weiter. Mit dem Eintrag ins Zeugnis seien die ersten Noten rechtskräftig geworden.

Evento weiter in Betrieb

Deshalb entschied das Gericht, dass der Lehrling ein Fähigkeitszeugnis erhält, obwohl er die Prüfung nicht bestanden hat. Das Gericht befürchtet nicht, dass durch seinen Entscheid das Vertrauen in die Notengebung gestört werde, da der Informatiker mit der Note von 3,9 «so knapp wie möglich» gescheitert wäre.

Das Gericht bestimmte weiter, dass dem Lehrling Anwaltskosten von 4377 Franken ersetzt werden. Zudem erhält er 2735 Franken für das Verfahren vor der Erziehungsdirektion des Kantons Bern, die seine Beschwerde zurückgewiesen hatte.

Evento ist bei der Gibb noch in Betrieb. «Wir stellen keine Probleme mehr fest», sagt der stellvertretende Direktor Daniel Hurter.

Berner Zeitung

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