Geschichten, die das Meer erzählt

Ursula Stalder erforscht die Küsten Europas auf ihre Weise. Sie sammelt, was das Meer anspült, legt es in ihrem Abfall-Archiv ab und gestaltet daraus so verspielte wie politische Kunst – aktuell im Kunsthausrot in Köniz zu sehen.

Die Künstlerin Ursula Stalder sammelt seit 1992 Abfälle und gestaltet daraus Installationen, Bilder und Skulpturen.

Die Künstlerin Ursula Stalder sammelt seit 1992 Abfälle und gestaltet daraus Installationen, Bilder und Skulpturen.

(Bild: Fabian Biasio / Keystone)

Tina Uhlmann

Dort, wo andere Erholung suchen, arbeitet Ursula Stalder. Sie sei einst selbst als Badegast am Meer in den Ferien gewesen und habe sich schrecklich gelangweilt, antwortet die 66-jährige Luzernerin jeweils auf die Frage, wie alles angefangen habe. Damals, 1992, spazierte sie den Strand entlang und hob auf, was ihr ins Auge stach. Seither sammelt sie Glasscherben und Kachelsplitter, Schwemmhölzer, Steine und Muscheln, Teerklumpen, Tierknochen und vor allem viel, viel Plastik. Plastikschuhe, Plastikflossen, Plastikflaschen, Plastikröhrchen, Plastikpuppen, Plastikflieger, Plastikblumen – man könnte endlos weiterfahren, ein tausend Zeilen langes Plastikgedicht schreiben, analog zur Plastikpoesie, die Stalder in ihren Werken schafft.

Nur scheinbar harmlos: Ursula Stalders Arrangement aus Mittelmeer-Strandgut. Foto: PD

Beklemmende Fragen

Ja, auf den ersten Blick scheinen viele Arrangements dieser Künstlerin poetisch, dekorativ, leicht wie Kinderspiele. In fast allen Collagen, die derzeit im Kunsthausrot in Köniz ausgestellt sind, finden sich Körperteile von Plastikpuppen – da ein rosarotes Bein, dort ein pausbäckiger Kopf mit leeren Augenhöhlen. Schreitet man die Bilder ab, teilweise richtige Wimmelbilder mit Hunderten von Kleinteilen, bekommt man das Gefühl, das Mittelmeer sei voll von verlorenen Puppen. Unweigerlich stellt sich sodann der Gedanke an die Bootsflüchtlinge ein, die im «Mare nostrum» ertrunken sind und noch ertrinken.

«Zeig mirdein Wesen,hab dichaufgelesen.»Ursula Stalderim Büchlein «Herzenssache»,Edition Seitensprung

Was, wenn die Künstlerin aus Versehen auch Teile echter Körper in ihrem Abfall-Archiv ablegt? Denn nicht immer kann Ursula Stalder wissen, was ihr beim Sammeln in die behandschuhten Hände gerät – viele ihrer Fundstücke sind unkenntliche Fragmente. Indem sie sie auswählt und aufhebt, belebt sie sie neu und stellt sie mit anderen in einen gewollten Zusammenhang. So wirkt auch das Bild rechts oben aus Stalders Serie «Herzensangelegenheiten» von 2016 farblich und figurativ harmonisch, bis man die einzelnen Objekte näher betrachtet. Das Herz an erster Stelle scheint zurechtgebogen, das rote Gummiteil daneben zu einer Art Vagina gequetscht, vom organischen Zapfen durch ein steinernes Herz getrennt. Und Barbies Haar ist grau geworden, schmutzig wie der ausgerenkte Arm ihrer Kollegin rechts unten. Dazwischen die hochhackige Plastikpantolette in Kindergrösse – lässt sich damit am Strand herumtollen? Und was bedeutet die 6 in dieser Bildergeschichte?

Nicht alle Bilder werfen derart beklemmende Fragen auf. Im Gegenteil: Die Stimmung ist vorwiegend heiter. Es sei eine von Ursula Stalders bisher farbigsten Ausstellungen, sagt Galerist Daniel Ebnöther (siehe Kasten). Die drei grossformatigen Kompositionen «Glyfada» ganz in Blau, Rot oder Gelb etwa scheinen die besonders schmutzigen Strände Griechenlands schon fast zu feiern. Ein Glanzstück ist auch die dichte Assemblage schwarz gewordener Lederteile aus dem Projekt «Found in Britain», bei dem Stalder 2003 die englische Südküste abwanderte und später abbildete.

Schweizer Frühlingsabfall

Lange bevor die tonnenschwer auf den Weltmeeren treibenden Plastikteppiche ins Visier der Umweltschützer gerieten, hat die Innerschweizerin Ursula Stalder sie in ihrer Kunst vorgeführt. Unlängst hat sie nun auch zum ersten Mal in den Schweizer Bergen künstlerisch gewirkt. Was die Kinder der Bündner Gemeinde Flims nach der Schneeschmelze eingesammelt hatten, verarbeitete sie vor Ort zu einer Bodeninstallation auf weisser Bahn: Geschiebe der schmelzenden Gletscher, die auf die Klimaerwärmung verweisen, oder einfach fröhliche Frühlingsboten? Auch in diesem Fall kann man wählen, wie man Kunst verstehen will.

Berner Zeitung

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