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Gesucht: Der schönste Vogel

Die Preisrichter der Ziervogelausstellung haben viel zu tun: Sie müssen 748 verschiedene Vögel bewerten. Von der Farbe über das Gefieder bis hin zum Verhalten spielen dabei viele Faktoren eine Rolle.

Reto Meier beim Begutachten der exotischen Reisfinken.
Reto Meier beim Begutachten der exotischen Reisfinken.
Stefan Wermuth

Unter den Reisfinken gehört EXI-4-04 zu den Schönsten. Ruhig sitzt der Vogel auf seiner Stange und neigt seinen Kopf zur Seite, während er von Reto Meier begutachtet wird. «Ein sehr schönes Exemplar», meint der Preisrichter, nickt zufrieden und stellt den Käfig wieder auf den Tisch.

EXI-4-04 ist nicht der richtige Name des Finken. Ziervogelzüchter benennen ihre Tiere normalerweise nicht – dafür besitzen sie schlicht zu viele. Die Anschrift am Käfig des Reisfinken steht stattdessen für die Gruppe (Exotische) und Kategorie (Nummer 4), in welcher der kleine Vogel dieses Wochenende antritt, sowie für die individuelle Käfignummer (04).

Der Reisfink ist einer von 748 Vögeln, die dieses Wochenende in Oberwangen an der siebten Ziervogelausstellung der beiden Vereine Kanaria Bern und Ornis Bern präsentiert werden. 76 Züchter aus der ganzen Schweiz sind angereist, um ihre Tiere der Jury zu präsentieren. Neben exotischen Reisfinken gibt es jede Menge Kanarienvögel, Wellensittiche sowie verschiedene Papageienarten zu sehen.

Gelb und zierlich: Um den Berner Kanarienvogel unparteiisch zu bewerten, reiste extra ein Preisrichter aus Belgien an. Fotos: Stefan Wermuth
Gelb und zierlich: Um den Berner Kanarienvogel unparteiisch zu bewerten, reiste extra ein Preisrichter aus Belgien an. Fotos: Stefan Wermuth

Bei der Ausstellung gehe es aber um mehr als nur um die Bewertung der Vögel, erklärt Tony Binggeli, Mitglied von Ornis Bern und Leiter des Showbüros: «Es ist vor allem ein gesellschaftliches Ereignis.» Gross sei die Ziervogelszene in der Schweiz nicht, die Züchter kennen sich untereinander und nutzen den Anlass, um sich auszutauschen. In der Deutschschweiz gibt es neben Oberwangen nur noch zwei weitere Ausstellungen – im ganzen Land sind es etwa 12.

Geschultes Auge

Reto Meier ist Experte für die Exotischen, zu denen EXI-4-04 gehört. Seit 15 Jahren bewertet der 42-Jährige Lengnauer Ziervögel im Auftrag der Schweizerischen Zuchtrichter-Vereinigung. Über 60 Tiere sind es, die ihm an diesem Tag vorgesetzt werden – «eine eher kleine Anzahl», sagt er lächelnd. Meiers Kollege, der die Wellensittiche beurteilt, hat da deutlich mehr zu tun. Über 110 Tiere nimmt dieser unter die Lupe.

Während Meier konzentriert arbeitet, ist es in der Mehrzweckhalle laut. Die Tiere zwitschern vor sich hin, Menschen unterhalten sich, Käfige werden zu den Richtern gebracht und wieder in die langen Regale gestellt. Knapp fünf Minuten beschäftigt sich der Preisrichter mit einem Vogel. Dank der jahrelangen Erfahrung ist sein Auge geschult, nur ganz selten muss er einen Blick auf die offiziellen Kriterien werfen.

Bei EXI-4-04 stimmt beinahe alles: Der Vogel ist schön proportioniert, seine grau-silberne Färbung ist an den richtigen Stellen dunkler, und sein Gefieder wiederum weist keine Unreinheiten auf. 91 von 100 möglichen Punkten notiert Reto Meier auf der Karte des Vogels, bevor er sich dem nächsten zuwendet. Zum Vergleich: Ab 90 Punkten gilt ein Tier als sehr gut, 94 und 95 Punkte gehören zu den Spitzenwerten. «100 Punkte zu erreichen, ist praktisch unmöglich.»

Nicht ganz unproblematisch

Angefasst werden die Vögel bei der Bewertung nicht. Sie sollen nicht noch zusätzlich belastet werden. Dass eine solche Ausstellung nicht ganz unproblematisch ist, gibt Showleiter Tony Binggeli unverblümt zu: «Wir beschönigen das nicht. Gerade die Reise kann für die Tiere stressig sein.» Langfristige Schäden würden die Vögel aber nicht davontragen. Wäre dies der Fall, würde wohl kaum jemand am Anlass teilnehmen. Einerseits habe die Gesundheit der Tiere höchste Priorität – davon hängt ja auch der künftige Zuchterfolg ab –, andererseits stecke zu viel Herzblut im Hobby.

Viel verdienen Binggeli und seine Kollegen nicht. «Die meisten Exemplare behalte ich für mich», meint er, während er durch die Reihen schlendert. Verkaufen tut er selten. Für ein Prachtexemplar, das zum Züchten verwendet wird, gibt es etwa 100 Franken. «Das deckt niemals die Zeit und die Kosten, die wir in die Tiere stecken.»

Umso schöner sei es für einen Züchter, wenn sein Vogel an der Ausstellung mit einer guten Punktzahl belohnt wird. Auch der Besitzer von EXI-4-04 darf sich über den Kategoriensieg freuen. Und vielleicht hat der Reisfink sogar Chancen auf einen der 10 Championstitel, die am Sonntagmorgen vergeben werden.

Die Ausstellung in der Mehrzweckhalle Oberwangen kann am Samstag (9 bis 21 Uhr) und am Sonntag (9 bis 14 Uhr) besucht werden.

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