«Hallo! Weisst du, wer dran ist?»

Im Kanton Bern sind vermehrt Enkeltrickbetrüger am Werk. Dahinter stecken aus Polen operierende Clans.

Mit diesem Präventionsvideo warnt die Kantonspolizei Bern vor Enkeltrickbetrügern. Video: Youtube/Kantonspolizei Bern


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Dank der raffinierten Reaktion eines Bürgers ging der Polizei vor drei Wochen ein Enkeltrickbetrüger ins Netz. Mittags erhielt eine im Kanton Bern wohnhafte ältere Person einen Anruf. Ein Hochdeutsch sprechender Mann gab sich als Bekannter aus. Der Anrufer erklärte, er benötige für eine Investition in Zürich 60000 Franken, ein Kollege seines Notars nehme die Summe noch gleichentags entgegen. Zurückgezahlt werde sie tags darauf.

Der Angerufene sicherte dem angeblich Bekannten die Geldübergabe zu, informierte jedoch gleichzeitig die Polizei. Diese konnte beim vereinbarten Treffpunkt ein Überwachungsdispositiv einrichten. Als der Geldempfänger schliesslich auftauchte, klickten die Handschellen.

Beim diesem handelt es sich um einen 21-jährigen polnischen Staatsbürger, der mutmasslich zu einer aus dem Ausland operierenden Bande gehört, wie die Kantonspolizei damals mitteilte.

Laut der Polizei haben sich die Enkeltrickbetrügereien in letzter Zeit gehäuft. Von Anfang September bis Mitte Oktober gingen im Kanton Bern rund dreissig Meldungen dazu ein. Erbeutet wurden mehrere Zehntausend Franken.

Dass der in flagranti erwischte Betrüger aus Polen kommt, ist kein Zufall. Denn hinter der Betrugsmasche stecken meist aus Polen operierende Roma-Clans. Seit 2012 ergaunerte die Enkeltrickmafia in der Schweiz rund 20 Millionen Franken, wie die «SonntagsZeitung» berichtete.

200 Telefonanrufe pro Tag

«Der Begriff Enkeltrick ist etwas veraltet», sagt Rolf Rüdisser, Berner Staatsanwalt für Wirtschaftsdelikte. Denn der Anrufer könne sich auch als anderweitiger Verwandter oder Bekannter ausgeben. Die Anrufe indes würden immer nach demselben Mustern ablaufen: Ein Bandenmitglied, genannt Keiler, ruft von Polen aus mit einem Prepaid-Handy, dessen SIM-Karte nicht registriert ist, potenzielle Opfer in der Schweiz mit unterdrückter Rufnummer an.

«Beim Durchforsten des Telefonbuches legen die Keiler ihr Augenmerk auf Vornamen, die auf eine ältere Person schliessen lassen», sagt Rüdisser. Ein Ernst oder eine Heidi werden eher kontaktiert als ein Luca oder eine Mia. «Bis zu zweihundert Telefonate führen die Keiler pro Tag», so Rüdisser.

Als Einstieg wählen die Anrufer Sätze wie: «Weisst du, wer dran ist?» Sodann wird der Angerufene zum unfreiwilligen Stichwortgeber, etwa wenn er entgegnet: «Bist du es, Thomas?» Diese Identität wird dann vom Keiler übernommen.

Glaubt das Opfer die vorgegaukelte Bekanntschaft, macht der Anrufer eine finanzielle Not geltend. Sichert das Opfer seine Hilfe zu, wird ein Übergabeort vereinbart. Ein sogenannter Abholer wird losgeschickt, um das Geld in Empfang zu nehmen. «Dieser hält sich meist kaum länger als zwei Stunden in der Schweiz auf», sagt Rüdisser.

Beschleunigte Rechtshilfe

Der in Bern festgenommene Pole war ein solcher Abholer. Wenn, dann sind sie es, die der Polizei ins Netz gehen. An die Keiler heranzukommen, gestaltet sich um ein Vielfaches schwieriger. Seit rund einem Jahr sind die Berner Strafverfolgungsbehörden im Kampf gegen die Enkeltrickmafia jedoch mit mehr Schlagkraft ausgestattet. Zusammen mit Zürich sind sie Teil eines Joint-Investigation-Teams mit München, Hamburg und Polen, das sich ausschliesslich der Bekämpfung des Enkeltrickbetruges widmet.

Mit der gemeinsamen Ermittlungsgruppe wird der ansonsten langwierige und komplizierte Rechtshilfeweg massiv beschleunigt. Die Chance, an die Hintermänner ranzukommen, wird so erhöht. Einen Erfolg konnte die länderübergreifende Ermittlungsgruppe bereits verbuchen. Einer der wichtigsten Köpfe der Mafia wurde in Deutschland verhaftet.

Falsche Polizisten verurteilt

Das Zwangsmassnahmengericht hat beim Fall in Bern kürzlich die von der Staatsanwaltschaft beantragte Untersuchungshaft bewilligt. Was dem jungen Mann blühen könnte, zeigt ein Urteil vom Mai dieses Jahres: Vor Gericht standen zwei Georgier, die sich als falsche Polizisten ausgaben, um einer 80-jährigen Bernerin 40000 Franken abzuknöpfen.

Eine Masche, die dem Enkeltrick stark ähnelt. Die falschen Polizisten geben vor, Ermittlungen in einem bevorstehenden Raubdelikt zu tätigen. Sie wollen deshalb zur Sicherheit Geld oder Wertgegenstände in Gewahrsam nehmen.

Das Gericht verurteilte die Beschuldigten zu unbedingten Gefängnisstrafen von vierzehn respektive zwölf Monaten. Zudem gab es einen dreijährigen Landesverweis. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.11.2018, 06:21 Uhr

Das rät die Polizei

Seien Sie misstrauisch gegenüber Personen, die sich am Telefon als Verwandte oder Bekannte ausgeben und die Sie nicht selber als solche erkennen.

Nehmen Sie nach einem Anruf mit finanziellen Forderungen mit Familienangehörigen oder Vertrauenspersonen Rücksprache.

Rufen Sie die Person, welche der Anrufer vorgibt zu sein, selbst an. Erkundigen Sie sich nach der gestellten Forderung.

Übergeben Sie niemals Geld oder Wertsachen an unbekannte Personen.

Informieren Sie die Polizei über die Notrufnummer 112 oder 117, wenn Ihnen eine Kontaktaufnahme verdächtig vorkommt.

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