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Heiler-Prozess: 16 Opfer, eine Ansteckungsquelle

Die 16 Opfer im Heiler-Prozess haben eng verwandte HI-Viren mit demselben Stammbaum. Das erklärte der Autor des sogenannten phylogenetischen Gutachtens am Donnerstag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland.

Die Betroffenen legten sich auf den Bauch – und dann kam es zu einem Stich. Nach diesem Muster soll der «Heiler» bei den Opfern vorgegangen sein. Andere machte er bewusstlos und soll sie dann gestochen haben.
Die Betroffenen legten sich auf den Bauch – und dann kam es zu einem Stich. Nach diesem Muster soll der «Heiler» bei den Opfern vorgegangen sein. Andere machte er bewusstlos und soll sie dann gestochen haben.
Karin Widmer
Der «Heiler» arbeitet hauptberuflich als freier Musiklehrer. Bis kurz vor dem Prozessbeginn am 6. März soll er weiter Unterricht gegeben haben.
Der «Heiler» arbeitet hauptberuflich als freier Musiklehrer. Bis kurz vor dem Prozessbeginn am 6. März soll er weiter Unterricht gegeben haben.
zvg
Eine Kamera in der Gartenlaterne beim Eingang.
Eine Kamera in der Gartenlaterne beim Eingang.
Jürg Spori
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Er geht aufgrund seiner Untersuchungen davon aus, dass die 16 Infizierungen alle auf dieselbe Quelle zurückzuführen sind. Das bedeutet, dass das Gericht sein Gutachten als belastendes Element gegen den Angeklagten werten könnte. Ein Beweis für die Schuld des «Heilers» ist es aber nicht, wie aus den Ausführungen hervorging.

Trotzdem hat die Verteidigung schon im Vorfeld des Prozesses mehrmals Zweifel am Gutachten geäussert und ihm einen vorverurteilenden Charakter unterstellt. Der Forderung nach einem unabhängigen Zweitgutachten aus dem Ausland kam das Gericht bislang nicht nach.

«Nach bestem Wissen und Gewissen»

Der Experte, Jörg Schüpbach vom Nationalen Zentrum für Retroviren der Universität Zürich, wehrte sich vehement gegen den Vorwurf der Voreingenommenheit. Er habe das Gutachten nicht unter der Annahme erstellt, dass der Beschuldigte tatsächlich der Täter sei.

Ganz im Gegenteil: Als ihn die Untersuchungsbehörden mit dem Heiler-Fall konfrontiert hätten, habe er sich als erstes gedacht: «Das kann ja nicht sein, dass jemand so etwas tut.» Das Gutachten habe er zusammen mit seinem Team wie immer «nach bestem Wissen und Gewissen» erstellt.

Phylogenetische Analysen mache er schon seit den 1990er-Jahren, sagte Schüpbach. Er freue sich immer, wenn er beweisen könne, dass ein Beschuldigter nicht Ursprung der Infektion sein könne.

21 Untersuchte

Im Heiler-Fall wurden die Viren von 21 oder 22 Infizierten untersucht; die exakte Zahl ist unklar. Mit einer Ausnahme gab es durchwegs eine enge Verwandtschaft der Viren. Doch 3 Infizierte - offenbar aus dem familiären Umfeld des Angeklagten - befinden sich nicht mehr in der Schweiz.

Zwei oder drei weitere konnten offensichtlich nicht identifiziert werden, denn das Inselspital anonymisierte bekanntlich die weitergeleiteten Proben. Es blieb den Betroffenen überlassen, sich aktiv bei den Untersuchungsbehörden zu melden. So bleibt es letztlich bei 16 Opfern im laufenden Prozess.

Nur ein «Reservoir»

Für Gutachter Schüpbach ist aufgrund der Viren-Verwandtschaft naheliegend, dass das verseuchte Blut aus ein- und demselben «Reservoir» stammen muss. Die Viren hätten sich kaum verändert, obwohl die Infizierungen zeitlich deutlich auseinanderlagen.

Ob das verseuchte Blut kühl gelagert oder jeweils «frisch gezapft» wurde, ist laut Gutachten offen. Naheliegend sei, dass das Blut den Opfern gespritzt worden sei. Eine Infizierung zum Beispiel über eine Akupunktur-Nadel sei wenig wahrscheinlich.

Nicht ausschliessen kann der Gutachter, dass einzelne Opfer sich gegenseitig zum Beispiel über Geschlechtsverkehr ansteckten. Theoretisch sei das möglich. Die Frage müsse letztlich das Gericht beantworten.

Unmöglich sei dagegen eine serielle Ansteckung, bei der das Virus von A nach B, von dort nach C undsoweiter übertragen wurde. Denn das Virus entwickle sich im Lauf der Übertragung weiter. Die Viren der hier Betroffenen seien hingegen alle sehr ähnlich.

Heiler als gemeinsamer Bekannter

Nach bisherigem Erkenntnisstand kennen die meisten Opfer einander nicht. Gemeinsam ist ihnen einzig ein Bezug zum Heiler. Der Gutachter äusserte sich zu diesem Umstand nicht direkt.

Auf Nachfrage hielt er lediglich fest, dass sich die Ansteckungen letztlich nur «unter Einsatz einer Drittperson» plausibel erklären liessen. Ob diese Drittperson wusste, dass das von ihr verwendete Blut verseucht war, müsse aufgrund der Untersuchungen offen bleiben.

Der 54-jährige «Heiler» verfolgte die Ausführungen des Gutachters im Gerichtssaal. Selber wird er sich voraussichtlich am kommenden Montag äussern. Bis dahin werden weitere Opfer aussagen.

SDA/jzu

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