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Hermann Hesse und die Hausfrau

Maritta Haldemann aus Ostermundigen pflegte von 1946 bis 1952 Briefkontakt zum weltberühmten Schrift­steller Hermann Hesse. Deren Sohn Mario Haldemann ist im ­Besitz des einzigartigen Nachlasses.

Korrespondierten miteinander: Die Ostermundigerin Maritta Haldemann (auf dem Foto von 1948 mit Sohn Mario) und Schriftsteller Hermann Hesse.
Korrespondierten miteinander: Die Ostermundigerin Maritta Haldemann (auf dem Foto von 1948 mit Sohn Mario) und Schriftsteller Hermann Hesse.
Markus Hubacher

«Als einfache Frau aus dem Volke gelange ich heute mit einer grossen Bitte an Sie. Ob Sie erfüllbar ist, liegt allein in Ihrer Hand. In den ersten Stunden des neuen Jahres habe ich im Radio die beglückenden Worte Ihrer Neujahrsbotschaft vernommen. Vieles davon konnte ich in mich aufnehmen, aber nicht alles. (. . .) Meine grösste Freude und mein innigster Wunsch ist es nun, diese Neujahrsbotschaft von Ihnen zu erhalten, damit ich sie immer wieder durchlesen kann.»

Diese Zeilen schrieb die Hausfrau und gelernte Modistin Maritta Haldemann am 8. Januar 1946 an Hermann Hesse. Die damals 30-Jährige wohnte in Ostermundigen, der 69-jährige Schriftsteller in Montagnola im Kanton Tessin.

Originalschreiben: Kartengruss von Hesse an Maritta Haldemann. Bild: Markus Hubacher
Originalschreiben: Kartengruss von Hesse an Maritta Haldemann. Bild: Markus Hubacher

Der Dichterfürst reagierte umgehend, schickte ihr einen Abdruck seiner Ansprache aus der NZZ und schrieb dazu: «Das freut mich, wenn meine kleine Sendung Ihnen eine frohe Stunde gebracht hat. Es reicht mir, weil ich nicht mehr bei Kräften bin, nicht zu einem Brief, aber ich habe noch ein paar Ausschnitte aus Zeitungen etc. herausgesucht und schicke Sie Ihnen hier. Einer davon ist etwas zerfetzt, daran ist die Katze schuld. Auf dieser Karte sehen Sie, wo ich wohne.»

Trauriges Schicksal

Zwischen Maritta Haldemann und Hermann Hesse entstand nach dieser ersten Kontaktaufnahme bis in die 1950er-Jahre ­hinein ein lockerer, unregelmässiger Briefkontakt. Die Ostermundigerin schrieb ihm beispielsweise, dass sie in Bern einen Hesse-Volkshochschulkurs besuche, und gratulierte ihm 1952 zum 75. Geburtstag.

Er revanchierte sich mit maschinengeschriebenen Kartengrüssen oder auch Zeitungsausschnitten über sein Werk. Zuweilen ging es auch um ein ernstes Thema. Maritta Haldemann berichtete dem Schriftsteller vom traurigen Schicksal ihrer Mutter, die in die «kantonale Heil- und Pflegeanstalt Waldau bei Bern» hatte eingeliefert werden müssen.

Hesse antwortete ihr: «Was Sie an Ihrer Mutter erlebt haben, ist mir nur zu gut bekannt, da ich selber es an meiner ersten Frau, der Mutter meiner Söhne, erleben musste.»

Verwahrt die Schriftstücke: Mario Haldemann aus Spiez, der Sohn von Maritta Haldemann. Bild: Markus Hubacher
Verwahrt die Schriftstücke: Mario Haldemann aus Spiez, der Sohn von Maritta Haldemann. Bild: Markus Hubacher

Seit ihrer Jugend fasziniert

Die Korrespondenz zwischen dem Bestsellerautor («Unterm Rad», «Narziss und Goldmund», «Siddhartha», «Der Steppenwolf», «Das Glasperlenspiel») und der 2003 verstorbenen Maritta Haldemann fand sich in deren Nachlass. Ihr einziger Sohn Mario Haldemann, wohnhaft in Spiez, ist der Erbe dieser historischen Schriftstücke – und er verwahrt sie mit grösster Sorgfalt.

Über seine Mutter erzählt der 69-jährige Germanist, Musikwissenschaftler und ehemalige Lehrer: «Sie war seit ihren Jugendjahren fasziniert von Hermann Hesse und seinem literarischen Werk. Hesses Gedankenwelt und Sprachbilder liessen sie zeitlebens nicht mehr los.»

Ihre Begeisterung für Hesse gab sie weiter an ihren Sohn. «Ich las bereits in der achten Klasse Hesse-Werke und schätze ihn bis heute. Auch wenn er in der universitären Literaturwissenschaft nicht so ganz ernst genommen wurde – und in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen ist», erzählt Mario Haldemann, der selber eine Dissertation über Friedrich Glauser geschrieben hat.

Das Gedicht im Radio

Zurück zur Neujahrsbotschaft von 1946. Zu jenen Gedanken, die zum Schriftwechsel zwischen Maritta Haldemann und Hermann Hesse führten. Der Beitrag Hesses im damaligen Landessender Beromünster endete mit den Worten: «Einst in einer schlaflosen Nacht, schlaflos, weil ich unter dem ersten Eindruck der unter Hitler geschehenden Greuel stand, habe ich ein Gedicht geschrieben. Die letzten Verse des Gedichts lauten: Darum ist uns irrenden Brüdern / Liebe möglich noch in der Entzweiung / Und nicht Richten und Hass /sondern geduldige Liebe / Liebendes Dulden führt / Uns dem heiligen Ziele näher.»

In der Rubrik «Rückblick» stellen wir regelmässig interessante Dokumente, spannende historische Schriftstücke oder geschichtsträchtige Gegenstände vor, die sich im Besitz unserer Leserinnen und Leser befinden.

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