Herzblut statt viel Gewinn

Gantrisch

Der Schnee lockte am Wochenende viele Familien ins Skigebiet Gurnigel Gantrisch. Die Betreiber der Skilifte sind erleichtert, auch wenn sie die verlorenen Einnahmen nicht mehr wettmachen können.

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Loslassen braucht Übung. Manchmal hilft Rufen: «Achtung, Anfänger!» Die junge Frau auf dem Snowboard befreit sich vom Bügel und fällt in den Schnee. Sie lacht erleichtert. Den gefürchteten Zusammenstoss mit anderen Schneesportlern konnte sie umgehen.

Auch auf dem Parkplatz der Skilifte Gurnigel-Wasserscheide hilft Rufen. «Ich warte schon länger», erklingt es aus einem Auto, «keine Panik», aus einem anderen. Zu Stosszeiten hilft ein Parkwächter beim Einweisen. Und die Stosszeit – so schien es vergangenen Samstag – beginnt um 9.30 Uhr und endet um 16.30 Uhr, wenn die Pisten schliessen. Selbst der anfängliche Schneeregen hält die Gäste nicht vom Skifahren ab. Zu lange mussten sie auf dieses Vergnügen warten.

100 000 Franken Verlust

Hans Peter Schmid setzt sich an den letzten freien Tisch im Skiliftrestaurant. Er wirkt zufrieden. Heute laufe es gut. «Durchschnittlich haben wir 100 Besucher. An guten Tagen bis zu 1000.»

Anders sah es über die Feiertage aus: Viermal haben die Mitarbeitenden mit dem Pistenbulli die Piste präpariert. Jedes Mal schmolz das bisschen Schnee wieder weg. Die Lifte blieben geschlossen. Als Verwaltungsratspräsident der Skilifte Gantrisch Gurnigel AG kennt Hans Peter Schmid die Folgen von grünen Weihnachten: «Uns fehlen dadurch 50'000 bis 100'000 ­Franken.»

Eröffnet wurde das Skigebiet diese Saison schliesslich am 15. Januar. Bleibe das Wetter gut, komme der Betrieb zwar wieder in den grünen Bereich, die fehlenden Einnahmen könne er aber nicht mehr aufholen, sagt Peter Schmid. «Die Berner Sportwoche nützt uns nichts. Schulen gehen lieber ins Berner Oberland.»

100 Franken inklusive Fritten

Stefanie und Wolfgang Schmidt bevorzugen als Familie mit ihren Kindern Max, Leo und Paul das kleinere Gantrisch-Skigebiet. Es sei von Ostermundigen aus gut erreichbar und mit dem Familienrabatt preislich attraktiv.

Eine Tageskarte für Erwachsene kostet 36, für Kinder 23 Franken. Das Motto auf dem Gantrisch: Mit einer Hunderternote kommt eine Familie durch den Tag. Fritten inbegriffen. Max und Leo langen freudig zu. Das Schönste jedoch kommt noch: «Das Schnellfahren», sagt der 7-jährige Leo.

Etwas verzagter blickt Laszlo Kun unter der Kapuze hervor. Der 35-jährige Ungar steht zum ersten Mal auf den Skiern. Im Stemmbogen fährt er neben dem 100 Meter langen Pinocchio-Skilift her. «Was ich noch nicht verstehe: Wie kann ich gleichzeitig bremsen und eine Kurve machen?»

1000-mal «bitte» sagen

Das gleiche Problem hat etwas weiter unten der 5-jährige Aaron. Er löst es pragmatisch: Er fällt um. Sein Vater Bruce Campbell hilft ihm auf die Beine und erklärt mit Engelsgeduld die richtige Skiposition. Nach zwei Stunden Pinocchio-Piste bremst Aaron mit den Skiern statt mit dem Füdli.

Bis zum Skirennfahrer braucht es noch etwas Übung, aber vielleicht reicht Aarons Können schon bald für den Länggrätli-Bügellift. Dort instruiert Regula Gurtner wenn nötig die wenig erprobten Skiliftfahrer: «Nicht absitzen», sagt sie den Kleinen und geht selbst fast in die Knie, um den Bügel richtig zu platzieren. «Merci», sagt der Gast.

«Bitte», sagt Regula Gurtner. Etwa 1000 Mal die Stunde. Regula Gurtner ist eine von zwölf Mitarbeitenden bei den Skiliften. Die meisten sind Landwirte, stehen um halb fünf morgens im Stall, dann am Skilift und abends wieder im Stall. «Für diesen Job braucht es Herzblut», sagt Hans Peter Schmid.

Der grösste Lohn: Kinder, die gerne Ski fahren. Glückliche Gesichter wie das der 8-jährigen Sofia, die soeben mit ihrem Vater Andreas Kindlimann auf dem Bob die Piste runtersaust. Hinter ihnen ist der Gantrisch fast in Griffnähe, und unter ihnen liegt das Nebelmeer. «I nime no en Campari Soda», singen zwei Mütter.

Campari Soda bietet das Skiliftrestaurant zwar nicht an, dafür serviert die neue Mitpächterin Anita Maurer einen Hauskaffee mit Rahm und einem Schuss etwas. Bei Bedarf auch ohne etwas. Sonst braucht es den Parkwächter plötzlich auch beim Verlassen des Parkplatzes.

Berner Zeitung

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