Hunderte wollen die gequälten Pferde kaufen

Schönbühl

Die 93 Pferde aus dem thurgauischen Hefenhofen werden nur noch zwei Tage in Schönbühl von der Armee gepflegt werden. Bis zum Donnerstagabend will der Kanton Thurgau Käufer für sämtliche Tiere finden. Das Interesse ist riesig.

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Johannes Reichen

Die ersten Interessenten sind schon da. Sie spazieren durch den Stall, schauen in die Boxen, begutachten die Pferde. Zum Beispiel Andrea Andres. «Zwei oder drei Tiere möchte ich kaufen», sagt die Springreiterin aus Gümligen. Deshalb wird sie am Donnerstag um 9 Uhr wieder in den Schönbühler Sand zur grossen Verkaufsaktion kommen. «Ich möchte diesen Pferden noch ein schönes Leben ermöglichen.»

Andres ist eine von vielen. Die Anteilnahme an den 93 Pferden, die auf dem Hof eines mutmasslichen Tierquälers in Hefenhofen lebten, ist riesig. Beim Kanton Thurgau gingen in den letzten Tagen Hunderte Telefone ein von Leuten, die ein Tier kaufen oder Geld spenden möchten.

Das Interesse spürt jetzt auch die Armee. Seit einer Woche befinden sich die Pferde in der Obhut des Kompetenzzentrums Veterinärdienste und Armeetiere im Sand. «Wir sind wohl die Einzigen, die innert kurzer Zeit so viele Tiere aufnehmen und betreuen können», sagte Kommandant Jürg Liechti letzten Dienstag, als die ersten Transporter anrollten. Nun ist er ein gefragter Mann.

So geht es den Rössern heute: Kommandant Jürg Liechti gibt Auskunft zum Gesundheitszustand. Video: Quentin Schlapbach

Gesund und gefrässig

Der erste Eindruck war kein besonders schöner. Viele Tiere waren abgemagert und dreckig, manche fielen durch schwieriges Verhalten auf. «Gesund, aber ­verwahrlost», so urteilte Liechti damals. Seither habe die Pflege der Tiere etwas mehr Zeit als erwartet beansprucht. Insbesondere die Hufpflege sei sehr wichtig gewesen, auch Mähnen und Schweif seien geschnitten worden. «Wir konnten den Zustand verbessern.»

So bietet sich am Montag ein anderer Anblick. Die Pferde sehen gepflegt und sauber aus. «Die Tiere fressen und sind munter, vor allem die jungen springen auf der Weide herum», erzählt Liechti bei einem Medientermin. «Wir haben aber noch nicht alle Pferde da, wo wir sie haben wollen.»

Das medizinische Bulletin: Eine Stute hatte etwas Fieber, ein Fohlen wurde durch einen Schlag der Mutter am Kopf verletzt, ein Pferd leidet unter einer alten Verletzung am Nasenrücken, ein Tier hat eine leichte Verletzung. Keine grossen Sachen.

Mit der Arbeit der Train-, Veterinärdienst- und Hufschmiedrekruten, die im Sand gerade die RS absolvieren, ist der Oberst sehr zufrieden. Zumal ihre Arbeit nicht ungefährlich sei. «Gerade die jungen Tiere sind es nicht gewohnt, gepflegt zu werden.»

Käufer werden geprüft

Lange wird der Ausnahmezustand in der Kaserne nicht mehr anhalten. Ziel ist, dass möglichst alle Tiere bis Donnerstagabend den Sand verlassen. Bis dahin will der Kanton Thurgau die Käufer für die 93 Pferde gefunden haben. «Wir sind derzeit minutiös am Prüfen, wer als Käufer infrage kommt», sagt Bettina Kunz vom Informationsdienst des Kantons Thurgau.

Wer ein Tier kaufe, müsse einen Vertrag unterschreiben, dass das Tierwohl gewährleistet werde. Laut Liechti kann sich am Donnerstag aber jedermann für den Kauf eines Pferdes bewerben. «Das Ziel ist ein ­langfristiger Platz. Die Pferde sollen nicht in den Schlachthof kommen.»

Mit den Einnahmen aus dem Tierverkauf würden die Kosten der Hofräumung und der Unterbringung gedeckt, sagt Kunz. Ein allfälliger Überschuss würde dem Tierhalter aus Hefenhofen zugutekommen. Dass es so weit kommt, schliesst sie allerdings aus. Es handle sich um eine extrem kostspielige Angelegenheit.

Womöglich werden nicht ganz alle Pferde verkauft. Denn in den letzten Tagen haben sich bei den Behörden Personen gemeldet, die behaupten, Eigentümer von Pferden zu sein, die in Hefen­hofen gelebt haben. «Man muss davon ausgehen, dass sie dem Pferdehalter die Tiere anvertraut haben und die Pferde dort in Pension waren», sagt Liechti.

700 bis 1500 Franken

Bei der Verkaufsaktion am Donnerstag geht es nicht darum, möglichst hohe Preise zu erzielen, sondern gegen einen angemessenen Betrag einen geeigneten Platz zu finden. Deshalb sind seit Montagnachmittag zwei Experten daran, den Preis der Tiere zu bestimmen.

«Eine schwierige Aufgabe», sagt Christoph Mosimann aus Rüegsbach, einer der beiden Schätzer. Sie hätten keinerlei Informationen über die Tiere. «Wir wissen nicht einmal, wie schwer sie sind.»

Zuerst schätzen die beiden Experten das Schlachtgewicht, das im Durchschnitt 250 Kilo beträgt. Das Gewicht multiplizieren sie mit rund 3 Franken. Dann begutachten sie die Tiere. Je nach Eindruck machen die Schätzer Zuschläge, zum Beispiel für das Aussehen, das Verhalten oder die Erfahrung. So ergeben sich laut Mosimann Preise von zwischen 700 und 1500 Franken je Tier.

Andrea Andres, die in Oberlindach bereits zwei Pferde hält, ist bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen. Auch wenn sie weiss, dass einiges auf sie zukäme. «Man muss dann jeden Tag mit ihnen arbeiten.» Im idealen Fall möchte sie ein Tier zu einem Springpferd ausbilden. «Aber das kann Jahre dauern.»

Berner Zeitung

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