«Ich bin kein Nerd»

Edy Portmann arbeitet seit einem Jahr als Assistenzprofessor an der Universität Bern. Der 38-Jährige wurde als einer der 200 besten Nachwuchswissenschaftler ausgezeichnet.

Der 38-jährige Edy Portmann forscht seit einem Jahr an der Universität Bern. Nach einer Berufslehre führte ihn seine Weiterbildung über die Unis Basel und Freiburg nach Silicon Valley.

Der 38-jährige Edy Portmann forscht seit einem Jahr an der Universität Bern. Nach einer Berufslehre führte ihn seine Weiterbildung über die Unis Basel und Freiburg nach Silicon Valley.

(Bild: Claudia Salzmann)

Claudia Salzmann@C_L_A

Gleich neben der Reitschule an der Engehaldestrasse im Büro 308 im dritten Stock des Instituts für Wirtschaftinformatik der Universität Bern arbeitet Edy Portmann. Auf dem Bürotisch liegen Stapel an Unterlagen, fein säuberlich sortiert. Der Assistenzprofessor entschuldigt sich für das Chaos. Am Büchergestell klebt eine Zeichnung, die Produktivität erklärt. Der gebürtige Luzerner kennt seine Bibliothek auswendig, zieht während des Gesprächs zielsicher einige Titel heraus. Trotz seiner IT-Tätigkeit mag er Bücher, liest die Sonntagspresse als Printversion und markiert Wichtiges immer noch auf Papier.

Ein Jahr hat der 38-Jährige diese Stelle als Assistenzprofessor inne, einer der zwei finanzierten Professuren der Schweizerischen Post. Nächste Woche wird er vor dessen Kader über eCommerce referieren. Kritik, dass die Post seine Arbeit beeinflusst, weist er von sich: «Sie finanzieren zwar meine Professur, gewähren mir jedoch Forschungsfreiheit, das ist vertraglich festgehalten.»

Abstecher ins Silicon Valley

Portmann ist kein klassischer Akademiker. Das Gymnasium hat er aus Langeweile abgebrochen und liess sich zum Fahrzeug-Elektriker-Elektroniker ausbilden. Darauf folgte mit 27 Jahren ein Studium an der Fachhochschule Luzern, worauf er wieder ins Berufsleben einstieg. In Stationen wie Ernst & Young und Price Waterhouse Coopers verdiente er «sehr viel Geld», merkte aber, dass es noch weitergehen muss. So studierte er an der Universität Basel weiter und landete alsbald in Silicon Valley.

Ein Angebot aus Australien schlug er aus und entschied sich für Bern. «Zwar ist die Forschung in der Schweiz nicht so innovativ wie in Amerika, doch genau deshalb bin ich wieder zu den Wurzeln zurückgekehrt. Ich will hier etwas verändern», erklärt Portmann. Die Welt verändern? Nein, die Schweiz.

Kaffee mit Nobelpreisträgern

An der Uni Bern eckt er teilweise mit seinem Werdegang an. Und tut das auch gerne. «Mich interessiert die reale Welt sehr», erklärt er. Bei seiner Tätigkeit lege er grossen Wert darauf, dass sie auch für Firmen etwas bringe. Gerade ist er dabei, eine Kooperation mit dem Inselspital auszuarbeiten, bei der es um die Erforschung der menschlichen Hirnstruktur geht. Das interessiert ihn insbesonders, weil seine Mutter an Alzheimer leidet. «Es muss möglich sein, dasss wir bei Hirnzerfall den Gedächtnisverlust mit technischen Mitteln ersetzen können», skizziert er die Idee des Projektes.

Stundenlang könnte Portmann über seine Forschung sprechen, fasst sie zusammen mit: «Ich will Mensch und Maschine näher bringen.» Er forscht über Soft Computing, kollektive Intelligenz und Fuzzy Data Management, wofür er zuvor an der Universität in Berkeley war. Kaffee mit Nobelpreisträgern, Gespräche auf Augenhöhe mit Turing-Award-Gewinnern waren dort an der Tagesordnung. Wäre er im Silicon Valley geblieben, wäre er heute wohl Millionär, meint er scherzend. Der Aufenthalt in Berkeley brachte ihm im September die Einladung als einer der 200 besten Nachwuchswissenschaftler in Informatik und Mathematik nach Heidelberg an das Laureate Forum ein.

Maschine und Mensch als Symbiose

Den Studierenden der Uni Bern bringt er seine Theorien in Vorlesungen näher, die Anzahl der Besucher habe sich von vergangenem Jahr verdoppelt. «Viele erkennen, dass wir mit immer mehr Daten konfroniert sind», erklärt er dies. Maschinen können, ohne müde zu werden, unendliche Datensätze analysieren, die dann von Menschen weitergenutzt werden können. Befürchtungen, dass Computer in Zukunft die Macht über Menschen übernehmen werden, teilt er nicht: «Maschinen sind eine Erweiterung und ich sehe es mehr als Symbiose. »

Zu seiner Arbeit antwortet er ohne Denkpause und in hoher Kadenz, auf Fragen zu seinem Privatleben dauern seine Reaktionen etwas länger. Seine Frau und Mutter seiner zwei Kinder lernte er bereits in der Jugend kennen und seit 17 Jahren sind sie ein Paar. In dieser Zeit habe er sich drei Mal neu erfunden: Vom Edy als Elektroniker, über den Studenten Edy, mit Stationen in Singapur und Kalifornien, bis zum heutigen Assistenzprofessor Doktor Portmann, das Diplom ziert seine Bürowand. «Ich bin kein Nerd, habe vielleicht nerdische Züge, aber meine Frau holt mich immer wieder auf den Boden der Realität zurück», sagt er schmunzelnd.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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