«Ich fühle mich wie in den Slums»

Bern

Die Hausbesetzer an der Bahnstrasse dürfen nun doch bis zum Abbruch der städtischen Liegenschaft bleiben. Ein Teil der unmittelbaren Anwohner reagiert erbost.

Die städtische Liegenschaft an der Bahnstrasse 69 in Bern ist Anfang Jahr besetzt.

Die städtische Liegenschaft an der Bahnstrasse 69 in Bern ist Anfang Jahr besetzt.

(Bild: Jürg Spori)

Michael Bucher@MichuBucher

Die Stadt Bern ist sich mit dem Hausbesetzerkollektiv «Steigi 69» doch noch einig geworden. Die städtischen Behörden haben mit den Besetzern einen befristeten Gebrauchsleihevertrag abgeschlossen, der längstens bis zum Abbruch der Liegenschaft an der Bahnstrasse dauere. Dies teilte die Stadt Bern am Donnerstag in einem Communiqué mit.

Dieser Einigung ging ein rund zweimonatiges Vermittlungsverfahren voraus. Nachdem die leer stehende Liegenschaft im Steigerhubelquartier Ende Januar besetzt worden war, scheiterten eine Woche später erste Verhandlungen zur Legalisierung der Besetzung. Dies, weil Mitarbeiter der Stadtverwaltung verbal bedroht worden waren. Es drohte die polizeiliche Räumung.

Das Besetzerkollektiv zeigte sich daraufhin in einem Brief an den zuständigen Gemeinderat Michael Aebersold (SP) reumütig. Die Stadt gab den Leuten von «Steigi 69» eine zweite Chance und nahm die Verhandlungen mithilfe einer externen Vermittlung wieder auf. Diese sind nun offenbar fruchtbar verlaufen.

«Fühle mich wie in den Slums»

Gar nicht zufrieden mit dieser Entwicklung sind rund zwei Dutzend direkte Anwohner. Einer von ihnen, der anonym bleiben möchte und schon über 40 Jahre dort wohnt, spricht von «unhaltbaren Zuständen». Er schäme sich für das Quartier und fühle sich wie in den Slums. Ihn und die restlichen Anwohner des Wohnblockes stört das verwahrloste Äussere der bereits zuvor heruntergekommenen Liegenschaft. Alles sei versprayt und überall liege Unrat herum, wettert er.

Er räumt zwar ein, dass der nächtliche Partylärm nachgelassen habe, die Rauchentwicklung stelle aber nach wie vor ein grosses Problem dar. «Die Besetzer sägen oftmals noch spätnachts Holz und machen Feuer damit», so der verärgerte Anwohner. Wegen der Rauchentwicklung könne man nachts nicht mehr bei offenem Fenster schlafen. Er und 24 Mitbewohner des Wohnblockes haben deshalb bereits am 4. März einen Beschwerdebrief an die Stadt Bern geschickt. «Bis heute hat sich nie jemand gemeldet», meint er zerknirscht und fügt an: «Die Stadt nimmt uns nicht ernst.»

Abbruch Ende Juni

Seine Direktion habe den Brief erhalten, teilt Gemeinderat Michael Aebersold auf Anfrage mit. «Aufgrund der laufenden Verhandlungen konnte das Schreiben nicht früher beantwortet werden», so seine Begründung. Vor dem Versand der Medienmitteilung habe man die Anwohnenden jedoch mittels eines in die Briefkästen verteilten Schreibens über den Abschluss des Gebrauchsleihevertrages informiert.

Dort wird demnach festgehalten sein, dass der Vertrag «verbindliche Nutzungsbestimmungen für die Liegenschaft festlegt, um die Rauch-, Geruchs- und Lärmbelästigungen für die Nachbarschaft auf ein tolerierbares Mass zu reduzieren», wie es auch in der Medienmitteilung heisst.

Nach heutigem Planungsstand sollen die mit dem Abbruch beginnenden Bauarbeiten Ende Juni 2018 starten. Ein genauer Abbruchtermin jedoch steht noch nicht fest.

Berner Zeitung

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