«Ich schaue dorthin, wo Finsternis herrscht»

Witzwil

Samuel Buser kennt die Nöte der Gefangenen in der Anstalt Witzwil. Als Gefängnispfarrer hört er ihnen vorurteilslos zu. Der Glaube spiele eine wichtige Rolle, dass ihm Insassen ihr Herz ausschütten würden, sagt er.

Samuel Buser: «Menschen am Rand der Gesellschaft verdienen nicht nur Akzeptanz, sondern auch Achtung.»

Samuel Buser: «Menschen am Rand der Gesellschaft verdienen nicht nur Akzeptanz, sondern auch Achtung.»

(Bild: BT)

Samuel Buser schaut aus dem Fenster seines Büros. Die Stirn über den schwarz umrandeten Brillengläsern ist gerunzelt. Buser denkt lange nach, bevor er Antwort gibt auf die Frage, weshalb er Seelsorger geworden sei, Seelsorger für Straffällige: «Weil ich über genügend Energie verfüge, auch dorthin zu schauen, wo Finsternis herrscht.

Und weil ich schon als Kind gelernt habe, dass Menschen am Rand der Gesellschaft nicht nur Akzeptanz, sondern auch Achtung verdienen und zu unserer Lebensgemeinschaft gehören.»

Samuel Busers Vater war Pfarrer. Wie er. Schon immer wollte er als Menschenfreund in erster ­Linie Seelsorger werden: «In diesem Tätigkeitsfeld werden auch bedürftige Menschen als ‹bio-psycho-sozial-religiöse Wesen› wahrgenommen. Diese ganzheitliche Betrachtungsweise fasziniert mich, alle diese Aspekte gleichsam zu berücksichtigen zugunsten des Wohlbefindens der menschlichen Seele.»

Gläubige Straftäter

Religion und Glaube seien im Gefängnis so präsent wie sonst kaum im Alltag. «Wie bei allen Menschen in Not sind auch bei Gefangenen existenzielle Fragen zentral: Sinnfragen, Schicksalsfragen, Beziehungsfragen oder Fragen zur eigenen Persönlichkeit – auch in einem religiösen Kontext», gibt der Witzwiler Gefängnispfarrer zu bedenken.

«Daraus ergibt sich oft ein spirituelles Bedürfnis, nämlich vertrauen zu können auf eine gött­liche Kraft im Sinn von ‹Nicht alles liegt in meiner Hand›. Solche Überlegungen werden angestellt unabhängig von der Religionszugehörigkeit eines Straffälligen», erzählt er weiter. Wenn auch in Gefängnissen hierzulande, besonders in der Untersuchungshaft, die Bibel ausserordentlich viel gelesen werde.

Seelsorge als Ventil

In der Anstalt Witzwil sitzen zurzeit 184 Personen eine Strafe ab. Von ihnen verlangt nur ein kleiner Teil nach dem Gefängnis­pfarrer. Diese Insassen gehören unterschiedlichen Religionen an oder sind gar nicht gläubig.

Sie haben einen Mord begangen, vergewaltigt, ein Kind missbraucht, gestohlen, betrogen, sind suchtkrank. Sie haben meist schwer gegen die Regeln und Werte der Gesellschaft verstossen.

Beim Seelsorger betreten sie freiwillig einen offenen Raum, in dem sie ihrem Gegenüber unzensuriert ihr Herz ausschütten, laut über ihre Tat nachdenken und den Emotionen freien Lauf lassen können.

Buser sagt: «Bei mir haben die Gefangenen nicht zu befürchten, dass sich ihre Äusserungen negativ auf ihre Prognose auswirken könnten, denn ich bin an die Schweigepflicht gebunden, auch gegenüber den Behörden.» Das sei für straffällig gewordene Menschen sehr entlastend und helfe ihnen, sich besser auf den Strafvollzug einzulassen.

Schuld und Sühne. Vergebung und Versöhnung. Reue und Rache. Um diese Begriffe drehen sich die Gespräche der Gefangenen mit dem Gefängnispfarrer. Selbst wenn dieser oft nicht einmal weiss, welchem Glauben seine Gesprächspartner angehören.

Bescheid weiss er aber um deren Delikte. Dennoch liege es nicht an ihm, Tat oder Täter zu bewerten oder gar zu verurteilen – ganz gemäss dem biblischen Grundsatz: «Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person.»

Zuhörer und Tröster

Vielmehr gebe er seinen Klienten zu verstehen, dass sie schweres Unrecht getan hätten und dieses nicht ungeschehen machen könnten. Dass sie aber auch eine Chance bekommen hätten für einen Neuanfang, sagt Buser. So sei der Seelsorger nicht nur intensiver Zuhörer, sondern auch Wegbegleiter, etwa wenn es um die Klärung von Schuldfragen gegenüber Opfern und Angehörigen oder gegenüber Gott gehe. Darüber hinaus ist er Ratgeber, beispielsweise bei der Planung der Zukunft.

Auch Trost zu spenden, gehört zu Busers seelsorgerischen Aufgaben. Ganz oft werde in den Gesprächen einfach geklagt. «Uneingeschränkt klagen zu können und getröstet zu werden, löst bei den Gefangenen ein Gefühl des Aufgehobenseins aus, was wiederum positive Energie und konstruktive Aktivität freisetzt.» Nicht selten werde er darum ersucht, ein Gebet für seine Klienten zu sprechen. Oder für die Angehörigen ihrer Opfer. Oder für die eigene Familie.

Und manchmal erzählt Buser den Gefangenen eine Geschichte aus der Bibel. Zum Beispiel die­jenige von der Ehebrecherin. Demnach brachten die Schriftgelehrten eine Frau zu Jesus, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden war und von Ge­setzes wegen hätte gesteinigt werden müssen.

Jesus hiess die Theologen: «Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den Stein als Erster.» Daraufhin zogen die Männer von dannen, einer nach dem anderen. Allein mit der Frau, sprach Jesus zu ihr: «Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!»

Bieler Tagblatt

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