Ihre Zeit ist vorbei

Münchenbuchsee

Mitte September schliessen Silvia und Werner Stirnemann ihr Uhren- und Bijouteriegeschäft in Münchenbuchsee. Sie haben keine Nachfolger für das von ihnen in vierter Generation geführte Unternehmen gefunden.

Einmal kommt die Zeit, um aufzuhören: Mitte September öffnen Silvia und Werner Stirnemann ihr Fachgeschäft zum letzten Mal.

Einmal kommt die Zeit, um aufzuhören: Mitte September öffnen Silvia und Werner Stirnemann ihr Fachgeschäft zum letzten Mal.

(Bild: Raphael Moser)

Hans Ulrich Schaad

Die Zeit des Abschieds naht. Noch knapp zweieinhalb Wochen ist das Geschäft Uhren Bijouterie Stirnemann geöffnet. «Totalausverkauf» steht am Schaufenster an der Bernstrasse 4. Damit verliert Münchenbuchsee ein Traditionsgeschäft, das seit 1850 besteht und seit gut 44 Jahren von Silvia und Werner Stirne­mann in vierter Generation geführt wird.

Keine fünfte Generation

Klar sei Wehmut dabei, sagen die beiden Geschäftsinhaber, die nun altershalber einen Schlussstrich ziehen. Er ist 70, sie ein Jahr jünger. «Die Zeit bis zu der Entscheidung war viel schwieriger. Dieser Prozess dauerte ein paar Jahre», blickt Silvia Stirne­mann zurück. Lange hatten sie einen Nachfolger gesucht, extern und intern. Leider habe sich nichts ergeben. Ihre beiden Töchter haben andere Berufswege eingeschlagen. Und jemanden zu etwas zu zwingen, komme in der Regel nicht gut, ergänzt Werner Stirnemann.

Er erinnert sich, wie er als Bub beim Grossvater auf dem Schoss sass, als dieser Uhren reparierte. So absolvierte er später die Ausbildung zum Uhrmacher/Rhabilleur und trat in die Fussstapfen seiner Vorfahren. Silvia und Werner Stirnemann waren beide erst Mitte zwanzig, als sie das Geschäft übernahmen. Der Vater hatte gesundheitliche Probleme.

Klein gegen gross

Nach viereinhalb Jahrzehnten können sie auf eine «grosse und treue» Stammkundschaft zählen. Das Einzugsgebiet sei stets grösser geworden, weil andere Fachgeschäfte verschwunden seien. Die Lage ihres Geschäftes bezeichnen Stirnemanns als ideal, zumal sie auch über eigene Parkplätze verfügen. Die Ansprüche der Kundschaft seien gestiegen, erzählen sie. Gerade jene, die von weiter her kommen, wollen bei einer kleinen Repa­ratur ihre Uhr nach kurzer Zeit wieder mitnehmen, um denWeg nicht zweimal machen zumüssen.

Es sei nicht immer einfach, mit grossen Unternehmen zu verhandeln, erzählt Werner Stirnemann. Diese würden vermehrt auf markenspezifische Shops setzen. Er will sich nicht beklagen, er habe es grundsätzlich «gut gehabt» mit den Firmen. Aber manchmal sei es schwierig gewesen, zu bestimmten Ersatzteilen zu kommen.

Vorsicht bei Fälschungen

Apropos bekannte Uhrenmarken. Es habe eine Periode gegeben, während deren vermehrt Personen mit Markenuhren aufgetaucht seien, die sie in denFerien für einen guten Preis gekauft hatten. Die meisten von ihnen musste Stirnemann enttäuschen, weil es gefälschte Uhren waren: «Viele dieser Kunden hatten eine Vorahnung.» Die Nachahmungen seien immer besser geworden und nicht einfach zu identifizieren gewesen, sagt der Uhrmacher. Und reparieren durfte Stirnemann die Uhren schon gar nicht, sonst hätte er sich strafbar gemacht.

Mehrere Einbrüche

Die Zeiten waren nicht immer einfach. Etwa, als die Digitaluhren in Mode kamen. «Das war aber eine kurze Periode», sagt Werner Stirnemann. Heute seien mechanischen Uhren wieder sehr gefragt. «Eine solche Uhr ist auch ein Schmuckstück, etwas Persönliches», fügt Silvia Stirne­mann an, die als ausgebildete Innendekorateurin grossen Wert auf die Schaufenster- und Ladengestaltung legt.

Privileg Kirchturmuhr

Während Jahrzehnten hatte die Familie Stirnemann eine besondere Aufgabe. Im Auftrag der Kirchgemeinde war sie für den Unterhalt der Kirchturmuhr verantwortlich. «Ich bin etwa alle zwei Wochen in den Turm gestiegen und durfte auf Münchenbuchsee hinunterblicken», erinnert sich Werner Stirnemann. Manchmal auch nachts, bei der Umstellung von der Sommer- auf die Winterzeit. Es musste zwar nicht genau um zwei oder um drei Uhr sein, ergänzt er, aber: «Am Sonntagmorgen musste die Zeit stimmen.» Inzwischen ist die Kirchturmuhr funkgesteuert, den Unterhalt übernimmt eine Spezialfirma. «Diese Arbeit war ein Privileg für unsere Familie», sagt er.

«Ich bin etwa alle zwei Wochenin den Kirchturm gestiegen und durfte auf Münchenbuchsee hinunterblicken.»Werner Stirnemann?Uhrmacher

Das Uhren- und Schmuckgeschäft war mehrmals Zielscheibe von Kriminellen. Sechsmal wurde eingebrochen, einmal wurden Silvia Stirnemann und ein Angestellter bei einem Raub mit einer Eisenstange bedroht. Das seien einschneidende und belastende Ereignisse, die nicht spurlos vorbeigingen. Viel lieber sprechen sie über lustige Erlebnisse im Laden. Etwa, wenn ein junges Paar einen Trauring aussuchen will und die Vorstellungen der beiden weit auseinandergehen. «In diesem Fall heisst die Devise: erst mal gut zuhören», sagt Silvia Stirnemann.

Doch nicht ganz vorbei

Nun freuen sich Stirnemanns auf mehr Freizeit. Mehr Zeit für die vier Grosskinder und fürs Ski- oder Velofahren. «Wenn man selber geschäftet, kommt das zu kurz», sagt Werner Stirnemann. Ganz kann er sein geliebtes Uhrmacherhandwerk aber nicht lassen. Ab November führt er in reduziertem Umfang Reparaturen von Grossuhren durch. Aber unter Termindruck lasse er sich dabei nicht setzen. «Solche Arbeiten brauchen Nerven und Geduld», beschreibt er. «Manchmal muss ich ein Gehäuse mehrere Male öffnen, bis die Uhr wieder funktioniert.»

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