Im heissesten Eck des Kantons

Wynau

Den kantonalen Temperaturrekord hat Wynau bereits seit 2015. Auch am Mittwoch war es im Dorf wieder eine Spur heisser als im restlichen Kanton. Wir haben die Rekordgemeinde und ihre Bewohner besucht.

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Wer in diesen Tagen durch Wynau läuft, fühlt sich wie in einer Geisterstadt im Wilden Westen. Klar, eine Metropole ist das 1600-Seelen-Dorf auch sonst nie. Dass am freien Mittwochnachmittag keine Kinder auf dem Schulhausplatz spielen, erstaunt trotzdem. Auch sonst ist kaum jemand unterwegs – zu heiss ist es vor der Tür. Rekordverdächtige 35,9 Grad Celsius misst das Thermometer am späten Nachmittag. Und rekordverdächtig kommt in Wynau nicht von ungefähr: Im Juli 2015 vermeldeten die Meteorologen hier 37,2 Grad – Allzeitrekord im Kanton Bern.

Genau genommen kam es damals in den Nachbargemeinden wohl zu ähnlich hohen Temperaturen. Allerdings steht nur in Wynau eine offizielle Messstation des staatlichen Wetterdienstes Meteo Schweiz. Am Mittwoch zeigte diese wieder einmal den höchsten Wert im Kanton.

Dass es in dieser Ecke des Oberaargaus regelmässig noch ein Stück heisser ist als im restlichen Bern, hat seinen Grund. Wynau ist nicht nur Temperaturrekordhalter, sondern auch der tiefste Punkt im Kanton. Die Theorie sagt: Bei hundert Meter Höhenunterschied ändert sich die Lufttemperatur um 0,65 Grad. Also je tiefer, desto heisser.

Dies bestätigte sich am Mittwoch in der Praxis. Wynau konnte mit den noch tieferen Gebieten mithalten. Nur in Würenlingen (AG) war es am Mittwoch noch ein Quäntchen wärmer. Doch was machen die Wynauer, wenn ihr Dorf wieder einmal zum Backofen wird?

Im Dorf

Nur wer ein bestimmtes Ziel hat, wagt sich aus dem Haus. So auch Patrick Müller. Sein Mofa hat er mit drei Kisten Glace vollgepackt. «Die sind aber nicht alle für mich», erklärt er. Er mache die Lehre auf der Gemeindeverwaltung und habe die Glacen für einen Anlass geholt.

Im Dorfladen sind die Kühlregale derweil noch gut gefüllt. Die Verkäuferin erklärt: «Es werden schon viele Glacen und Getränke gekauft, aber wir können genug nachbestellen.» Für die Hitzewelle sind die Wynauer also bestens versorgt.

In der Aare

«Es ist mein 38. Jahr mit dem Brett auf der Aare.»Samuel Zimmerli, «Aarebrättler»

Wer frei hat, ist jedoch nicht im Dorf unterwegs, sondern an der Aare. Auffallen tut dabei vor allem Samuel Zimmerli. Ein 65-Jähriger, der im Kopfstand auf der Aare surft, ist nicht alltäglich. «Wie einst Jesus, nur verkehrt herum», scherzt ein Kollege. Zimmerli kennt den Trick schon länger: «Es ist mein 38. Jahr mit dem Brett auf der Aare». Schon sein Vater und dessen Kollegen seien mit einer alten Tür und einem Stück Seil auf der Aare gesurft.

Auch Zimmerli ist nicht alleine unterwegs. Neben seinem Bruder und seiner Tochter ist ein halbes Duzend «Aarebrättler» in Wynau versammelt, um sich abzukühlen. «Insgesamt sind wir rund 100, heute kommen bestimmt noch einige hierher», sagt er. Die meisten seien allerdings nicht aus Wynau, sondern kommen aus Langenthal. Die hohe Fliessgeschwindigkeit der Aare habe sie an diesen Uferabschnitt gebracht.

Mittlerweile hat sich die Gruppe mit einer eigenen Brättlistelle fix eingerichtet. «Das führte anfangs zu einigen Beschwerden von Anwohnern», erzählt Zimmerli. Er sei deshalb zur Gemeinde gegangen und habe sich mit dieser und den Anwohnern geeinigt. Die «Aarebrättler» sorgen seither jeden Sommer für Ordnung und Sauberkeit an der Brättlistelle.

Im Pool

Ohne Beschwerden von Anwohnern geniesst die Familie Stocker ihre Freizeit. Sie hat die Nachbarsfamilie in ihren Garten eingeladen. Die Kinder baden im Planschbecken. Die Eltern geniessen den Schatten. In der Badi habe es zu viele Menschen, besonders bei dieser Hitze. Deshalb geniessen sie den Feierabend im eigenen Garten.

In der Kiesgrube

«Glücklicherweise ist gerade nicht so viel los.»Reto Brunner, Leiter Kieswerk Wynau

Noch keinen Feierabend haben die Arbeiter im Kieswerk der Gemeinde. In der Grube zeigt das Thermometer zwei, drei Grad mehr an, als es der offizielle Messwert festhält. Dementsprechend schweisstreibend ist hier die Arbeit diese Woche. Die Staubwolken von den grossen Lastwagen bleiben aber grösstenteils aus. Werkleiter Reto Brunner erklärt: «Glücklicherweise ist gerade nicht so viel los.» Auch die Kunden des Kieswerks versuchen wohl auf leichtere Arbeiten auszuweichen.

Der Hitze gehen die Wynauer gekonnt aus dem Weg. Oder sie arrangieren sich mit einer passenden Abkühlung. Falls es hier in den kommenden Tagen noch einmal so heiss wird wie am Mittwoch, sind die Einwohner bereit dafür. Auch wenn Wynau beinahe im Kanton Aargau liegt, geht das Dorf die aktuelle Hitzewelle mit typischer Berner Gelassenheit an.

Berner Zeitung

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