Im Steuerhaus über den Thunersee

Wünsch dir was

Diesen Tag wird Ruth Jau aus Ostermundigen so schnell nicht vergessen: Auf einer Schifffahrt von Thun nach Interlaken konnte sie dem Kapitän über die Schulter schauen.

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Raphael Hadorn

Die MS Berner Oberland füllt sich langsam. Die meisten der knapp 400 Passagiere nehmen in der 2. Klasse Platz, einige haben das Privileg, 1. Klasse zu reisen. Und eine einzige Person darf an diesem Tag neben dem Kapitän im Steuerhaus Platz nehmen.

Es ist dies Ruth Jau aus Ostermun­digen. Die 68-Jährige hatte sich beim «Forum» dieser Zeitung gemeldet mit dem grossen Wunsch, einmal auf einem Kursschiff des Thunersees den Kapitän zu begleiten. Das «Wünsch dir was»- Team nahm sich der Sache an und kontaktierte die BLS AG, welche sich bereit erklärte, den Wunsch unserer Leserin zu erfüllen.

Erfahrener Kapitän

Der Kapitän an diesem Tag ist Beat Hodel. Der Thuner ist einer von neun BLS-Schiffsführern, die auf dem Thunersee ihre Arbeit verrichten. Kurz vor der Abfahrt um 9.40 Uhr erklärt er Ruth Jau, wie das Schiff in Betrieb genommen wird.

«Diesen einmaligen Tag werde ich nie vergessen.»Ruth Jau

Und dann geht es auch schon los. Ein Steuerrad sucht man im Steuerhaus, wo es ein bisschen aussieht wie im Cockpit eines Flugzeugs, vergeblich. Hodel lenkt das Schiff mit einem kleinen, hochsensiblen Joystick.

«Wenn ich ihn ruckartig bewege, fliegt der Koch mit dem Topf in die Fritteuse», sagt er – und lacht. Seit dreissig Jahren ist der 58-Jährige bei der BLS beschäftigt, seit rund vierzehn Jahren als Kapitän. Als wäre es das Einfachste der Welt, führt der Routinier das 500 Tonnen schwere Schiff durch den Kanal und hinaus auf den offenen See.

Traumwetter

Blauer Himmel und Sonnenschein: Petrus hat es gut gemeint mit Ruth Jau. Und vom Arbeitsplatz des Kapitäns aus wirkt die Kulisse gleich noch einmal eindrücklicher. «Traumhaft», sagt sie denn auch mehrfach, etwa als das Schiff am Schloss Schadau vorbeifährt, oder kurze Zeit später, als es die Ländte in Oberhofen anvisiert.

Beim Ansteuern der insgesamt zehn Haltestellen zwischen Thun und Interlaken ist der Kapitän besonders gefordert. Dann wechselt er vom Steuerhaus in den Nockfahrstand (siehe Bild unten links). Aufs Aussendeck sozusagen. Ruth Jau staunt ob der Genauigkeit, mit welcher er mit der MS Berner Oberland anlegt.

Fragen über Fragen

Der Kapitän nimmt sich die Zeit, jeden einzelnen Handgriff zu erklären. Und das sind nicht wenige. Und er beantwortet sämtliche Fragen der «Forum»-Leserin, auch das sind nicht wenige.

So erfährt Ruth Jau, dass an heissen Sommertagen die vielen Boote auf dem See hohe Konzentration erfordern, dass bei Nebel und Nacht der Radar ein Hilfsmittel sein kann, dass eine handwerkliche Ausbildung, Hodel ist gelernter Schlosser, von Vorteil ist, und welche Ausbildungen danach vom Leichtmatrosen bis zum Kapitän erforderlich sind.

Oder dass die Geschwindigkeit auf dem See höher erscheint, als sie es in Tat und Wahrheit ist. Die MS Berner Oberland zum Beispiel fährt mit maximal «nur» 23 Stundenkilometern. Ja, und dann darf Ruth Jau während einer Seeüberquerung sogar auf dem Sitz des Kapitäns Platz nehmen.

Ein unvergesslicher Tag

In Faulensee wird Kapitän Beat Hodel von Schiffsführer Romeo Zurbriggen am «Kommandoposten» abgelöst. Auch von ihm erfährt die technisch interessierte Ruth Jau bis Interlaken noch viel Wissenswertes. «Diesen einmaligen Tag werde ich nie vergessen», sagt sie immer wieder.

Wobei einmalig relativ ist. «Die beiden Schiffsführer haben mir angeboten, dass ich gern nochmals im Steuerhaus vorbeischauen darf, falls ich wieder auf dem Thunersee unterwegs bin.» Wetten, dass Ruth Jau sie beim Wort nehmen wird?

Berner Zeitung

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