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Immer grössere Dörfer verlieren ihre Post

Grossaffoltern liefert ein aktuelles Beispiel dafür, was andere Dörfer noch erwartet: Trotz ihrer rund 3000 Einwohner wird die Gemeinde ihre letzte Poststelle verlieren. Andernorts beginnen sich die Behörden zu regen.

Stephan Künzi
Niklaus Marti ist Gemeindepräsident von Grossaffoltern – und als Posthalter direkt davon betroffen, dass die Post ihr Büro aufgeben will.
Niklaus Marti ist Gemeindepräsident von Grossaffoltern – und als Posthalter direkt davon betroffen, dass die Post ihr Büro aufgeben will.
Stefan Anderegg

Für Gemeinden mit 4000 Leuten und weniger wird es kritisch. Sie müssen sich auf eine Zukunft ­ohne eigene Poststelle im Dorf einstellen. Das prophezeite die Gewerkschaft Syndicom letzte Woche. Sie tat dies mit Blick darauf, dass die Post ihr Netz bis in vier Jahren von momentan gut 1300 auf noch 800 bis 900 eigene Filialen abbauen will. Sogar ­Gemeinden oberhalb der kritischen Grenze können laut Syndicom nicht einfach davon ausgehen, dass sie die Post auf lange Sicht behalten können. Bis zu einer Grösse von 8000 Einwohnern bestehe ein mittleres Risiko für eine Schliessung, hielt die Gewerkschaft fest.

Die Angesprochenen kommentierten diese Aussagen zwar nicht weiter. Trotzdem lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Dörfer, aus denen sich die Post zurückzieht, immer grösser werden. Aktuelles Beispiel ist Grossaffoltern im Seeland mit immerhin rund 3000 Einwohnern. Dort war die Post noch vor dreissig Jahren mit drei Filialen präsent. Neben Grossaffoltern selber ­hatten auch die zwei mit je 500 bis 600 Leuten klar kleineren Aussendörfer Ammerzwil und Suberg je ihr eigenes Postbüro.

1993 verabschiedete sich die Post aus Ammerzwil und 2006 aus Suberg, fortan war für das weitläufige und vorwiegend ländlich geprägte Gebiet allein die ­Filiale Grossaffoltern zuständig. Zehn Jahre lang blieb es ruhig, bis im November letzten Jahres klar wurde: Die Gemeinde wird auch ihre letzte Post verlieren. Wann genau, ist nach wie vor offen.

Bereits kräftig abgebaut

Zu den Gründen, die hinter diesem Entscheid stehen, bleibt die Post sehr allgemein. Sprecherin Léa Wertheimer erinnert daran, dass in einer Zeit, in der viele Leute auswärts arbeiten, auch die Post im Dorf nicht mehr den Zulauf hat wie früher. Mit der technologischen Entwicklung würden die postalischen Dienste zudem «vermehrt elektronisch und rund um die Uhr nachgefragt».

Konkret: Allgemein ist bekannt, dass der für die Umsätze am Schalter so zentrale Zahlungsverkehr eingebrochen ist. Und dass im klassischen Geschäft zwar der Onlinehandel für eine Päckliflut sorgt, dass in den Filialen aber vor allem die Retouren über den Tisch gehen, die häufig kein Porto kosten und deshalb kaum viel einbringen.

Gemeindepräsident Niklaus Marti (BDP), der als Posthalter in Grossaffoltern sehr direkt betroffen ist, sagte es schon im November: Aus rein wirtschaftlichen Überlegungen könne er den Entscheid nachvollziehen.

Grossaffoltern profitiert auch nicht davon, dass die Post im Umland bereits kräftig abgebaut hat. Mit Wengi und Diessbach haben zwei Nachbargemeinden die Post längst verloren. Vor zwei Jahren folgte Rapperswil und im letzten Sommer Seedorf, das ebenfalls rund 3000 Einwohner hat. In der Nähe verblieben die Poststellen in Schüpfen und in Lyss, und ­gerade Letztere könnte mit ein Grund für den Schliessungsentscheid sein. Sie steht direkt beim Bahnhof und ist, wie vom Bund in solchen Fällen verlangt, mit dem Postauto in rund 20 Minuten bequem zu erreichen.

Nur noch gängige Geschäfte

Dazu kommt, dass sich die Post ja nicht ganz aus Grossaffoltern zurückziehen will. Geplant ist vielmehr eine, wie Sprecherin Wertheimer schreibt, «alternative ­Zugangsmöglichkeit». Das kann, wie in Wengi, der Hausservice sein, der Schalter an der Haustür also. Wahrscheinlicher ist indes, dass die Post mit einem Dritten für eine Postagentur zusammenspannt. So, wie sie es mit Volg in Seedorf oder mit den Gemeindeverwaltungen in Diessbach und in Rapperswil getan hat.

Agenturen bieten die gängigen Dienstleistungen an. Dazu gehören die Aufgabe von Briefen und Paketen und der Empfang ein­geschriebener Sendungen, weiter Einzahlungen mit der Post- oder der Bankkarte und in beschränktem Mass auch Bargeldbezüge. Bargeldeinzahlungen dagegen sind nicht möglich, wobei Wertheimer einschränkt: Dieses Geschäft sei «stark rückläufig».

Zentren in der Nähe

Das mag sein. Gerade ältere Leute schätzen es aber, wenn sie ihre Rechnungen auf diese Art begleichen können. An sie denkt Hansruedi Blatti in Wichtrach besonders, wenn er von der Post in seinem Dorf redet. Der FDPler steht als Präsident einer Gemeinde vor, die mit ihren 4300 Einwohnern die gewerkschaftlich definierte 4000er-Hürde zwar leicht überschreitet. Zugleich weiss er aber auch, dass die guten Strassen- und ÖV-Verbindungen durchs Aaretal die Zentren in die Nähe rücken lassen. Und dass daher die eigene Post nicht selbstverständlich gesichert ist.

Dabei ist Blattis Gemeinde inzwischen postalisch auch für weitere Dörfer zuständig. Seit Mitte 2008 werden die Briefe und Pakete für die Zustellgebiete Gerzensee und Kirchdorf von Wichtrach aus verteilt. Und als vor zwei Jahren die Post in Gerzensee (siehe Kasten) und vor einem halben Jahr jene in Kirchdorf zu Agenturen wurden, war die Post in Wichtrach plötzlich auch für jene Geschäfte zuständig, die in den zwei Dörfern nicht mehr vor Ort erledigt werden konnten. Sprecherin Wertheimer dämpft indes voreilige Erwartungen: Dass ein Ort Basis für die Zustellung sei, müsse beim Entscheid für oder gegen eine Schliessung nicht zwingend eine Rolle spielen.

Bei so viel Unsicherheit ist für Gemeindepräsident Blatti klar, «dass wir eine Haltung zur Post definieren werden». Persönlich zeigt er sich trotz allem ­verständnisvoll. «Die Politik kann ja von der Post nicht unternehmerisches Handeln fordern und aufbegehren, sobald dies Folgen hat.»

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