«In den Gemeinden ist die Wut gross»

Kanton Bern

Der Kanton finanziert in der Kinder- und Jugendarbeit keine Praktika mehr mit, das hat Einfluss auf die Angebote der Gemeinden.

Der Kanton will bei der Kinder- und Jugendarbeit sparen. Das verärgert die Gemeinden. (Archivbild Jugendtreff Kulturschopf in Burgdorf)

Der Kanton will bei der Kinder- und Jugendarbeit sparen. Das verärgert die Gemeinden. (Archivbild Jugendtreff Kulturschopf in Burgdorf)

(Bild: Thomas Peter)

Stephanie Jungo

«Das geht für mich nicht.» So sagt es Franziska Hess. Sie ist Leiterin der Kinder- und Jugendfachstelle Lyss und Umgebung. Was für sie nicht geht, ist eine Sparmassnahme des Grossen Rats. Im Herbst 2017 hat dieser beschlossen, die Finanzierung von Praktikumsstellen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit zu streichen. «Dies hat einen direkten und unangenehmen Einfluss auf unsere Arbeit.» 

Die offene Kinder- und Jugendarbeit ist eine gemeinsame Aufgabe von Kanton und Gemeinden. Ziel ist es, die soziale Integration von Kindern und Jugendlichen zu fördern. In diesem Rahmen werden Spielnachmittage, offene Turnhallen oder Ferienpässe organisiert. Auch mobile Kinder- und Jugendtreffs werden betrieben, wobei vor allem auch Prävention ein wichtiges Thema ist. 

Notwendige Praktika 

Finanziert sind die Angebote durch die Gemeinden und einen kantonalen Lastenausgleich. Ende 2017 verabschiedete der Grosse Rat im Rahmen des Entlastungspakets zahlreiche Sparmassnahmen. Über 160 Millionen Franken soll der Kanton damit jährlich sparen. Gestrichen hat der Grosse Rat dabei auch die zusätzlichen Mittel für die Finanzierung von Praktikumsstellen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit – insgesamt 800000 Franken.

Die Gemeinden seien jedoch auf Praktikanten angewiesen, wie einige Gemeinden aus der Region Bern auf Anfrage sagen. Denn sonst müssten Fachpersonen mehr Aufgaben übernehmen, was zu teuer wäre. Die Gemeinden mussten sich also überlegen, wie und ob sie Praktikantenstellen weiterfinanzieren möchten. 

So auch Konolfingen. «Die gestrichene Finanzierung für die Praktikumsstelle ist ein rechter Einschnitt in unser Budget», sagt die zuständige Gemeinderätin Miriam Gurtner (SVP). Die Kinder- und Jugendfachstelle Konolfingen arbeitet für vierzehn Gemeinden aus dem ehemaligen Amt Konolfingen. Ohne Praktika seien die Angebote nicht zu bewerkstelligen. Um weiterhin Praktikanten anzustellen, erhöhte Konolfingen unter anderem den Beitrag für die Gemeinden – denn die Kinder- und Jugendarbeit komme gut an. «Es sind zwar nicht alle erfreut darüber, aber es machen nun alle mit.»

Verärgerte Gemeinden  

Ähnlich tönt es in anderen Gemeinden. Auch Ostermundigen oder Ittigen übernehmen die höheren Kosten. Ebenso will die Fachstelle in Lyss das fehlende Geld in den Gemeinden ihres Einzugsgebiets einholen – die Stelle organisiert die Kinder- und Jugendarbeit für zwanzig Gemeinden. Achtzehn von ihnen hätten der Erhöhung des Beitrags bereits zugestimmt, mit zwei weiteren Gemeinden sei man noch in Verhandlungen, sagt Franziska Hess. «In den Gemeinden ist die Wut über den Kanton gross.» Sollte sich eine Gemeinde gegen die Erhöhung entscheiden, würde die Fachstelle dort spürbar weniger Angebote durchführen.

Die Praktikantenstellen kosteten die Gemeinde Lyss 90000 Franken. Geld, das nun nicht mehr zur Verfügung steht. Deshalb soll der Beitrag der Gemeinden erhöht werden: von 5 auf 7 Franken. Zum Vergleich: In Konolfingen erhöht sich der Beitrag von 4.60 auf 5.50 Franken. 

Franziska Hess geht davon aus, dass man den Status quo erhalten kann und keine Angebote streichen muss – auch wenn eine Gemeinde nicht mehr mitmachen würde. Überdenken müsse die Fachstelle jedoch, welche Praktika sie künftig noch anbieten könne. Bisher waren es pro Jahr drei Ausbildungspraktika und ein Vorpraktikum. Künftig müsse man vielleicht mehr Vorpraktika anbieten. Was schade sei, denn die Fachstelle nehme ihren Bildungsauftrag ernst. «Uns geht es nicht um günstige Arbeitskräfte. Und der Kanton zieht sich einfach raus.»  

Gleich viele Stellen 

Auch andere Gemeinden machen auf den Aspekt der Berufsausbildung aufmerksam. Es wird befürchtet, dass Praktikumsstellen verloren gehen könnten. Das Thema hat laut Pascal Engler auch die Berner Fachhochschule beschäftigt. Er ist Ressortleiter Praxisausbildung am Departement für Soziale Arbeit.

Die Rückmeldungen der Gemeinden seien unterschiedlich ausgefallen, sagt Engler, der auch im Vorstand des Verbands offene Kinder- und Jugendarbeit Bern ist. Einzelne Gemeinden hätten Angebote gestrichen. «Andere warten ab, suchen nach Lösungen und schreiben deshalb vorerst keine Stellen aus.» Doch die meisten würden weiterhin Praktikantinnen und Praktikanten anstellen. Auch auf der Jobbörse der Fachhochschule seien gleich viele Stellen ausgeschrieben wie in anderen Jahren. «Entscheidend wird das Jahr 2020 sein. Denn dann hat sich gezeigt, ob die alternativen Finanzierungsmodelle der Gemeinden funktionieren.»

Berner Zeitung

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