Ist der Angreifer psychisch gestört oder sexuell frustriert?

Bern

Der 48-jährige Mann, der vorletzten Sommer im Bremgartenwald eine junge Frau vergewaltigen wollte, steht vor Gericht. Er sei auf dem Weg zur Besserung, betont der derzeit Inhaftierte.

Der Beschuldigte soll sich zwischen 2006 und 2017 an drei Frauen vergangen haben. (Symbolbild/iStock)

Der Beschuldigte soll sich zwischen 2006 und 2017 an drei Frauen vergangen haben. (Symbolbild/iStock)

Es ist der Albtraum jeder Joggerin und Spaziergängerin, die allein im Wald unterwegs ist: von einem Mann angegriffen zu werden. Eine 27-jährige Bernerin hat genau dies im Sommer 2017 erlebt. Sie spazierte an einem Juliabend mit Kopfhörern im Ohrim Bremgartenwald. Plötzlich tauchte hinter ihr ein Mann mit einem Messer auf, hielt ihr den Mund zu, riss sie zu Boden, setzte sich auf sie und wollte Sex.

Der Albtraum nahm eine glückliche Wende: Weil die Frau schrie, eilte ihr ein Mountainbiker zur Hilfe. Er stürzte sich auf den Mann und befreite die Frau. Zusammen mit einem anderen Mann hielt er den Täter fest, bis die Polizei kam. Nun steht der 48-jährige Schweizer vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland.

Zwei weitere Angriffe

Die Staatsanwältin legt ihm zwei weitere bisher ungeklärte Sexualdelikte zur Last: Am frühen Neujahrsmorgen vor acht Jahren war eine junge Frau auf der Bolligenstrasse unterwegs, als sie der damals 40-Jährige am Arm packte, ihr mit einem Messer drohte, sie zu einem Trafokasten in der Nähe zog und sie dazu zwang, hinzuknien. Zu einer Vergewaltigung kam es nicht. Allerdings ist unklar, ob der Angreifer sie zu Oralsex zwang, wie die junge Frau aussagt, oder ob er sie nur anschaute und dazu onanierte, wie der Täter zu Protokoll gab.

«Ich habe die Frau bedroht, erniedrigt und sexuell missbraucht, aber ich habe sie nicht vergewaltigt.»Angeklagter

Den dritten Angriff bestreitet der Angeklagte. Vor zwölf Jahren wurde eine damals 32-Jährige, die durch die TV-Sendung «Traum-Job» eine gewisse Bekanntheit erlangt hatte, vor ihrer Wohnung im Berner Mattequartier von einem Mann angegriffen. Sie schlug ihm ihr Mobiltelefon ins Gesicht und konnte ihn so in die Flucht schlagen. Dazu sagte am Dienstag der Angeklagte klar und deutlich: «Das war ich nicht. Ich kenne diese Frau nicht.»

Er wundere sich, dass ihn die Frau noch nach zwölf Jahren aufgrund seines Aussehens, seiner Stimme und seiner Manieren wiedererkennen wolle, wie sie zuvor aussagte. Dazu kommt, dass die Frau damals von einem 20- bis 25-jährigen Angreifer sprach, der Angeklagte aber zur Tatzeit bereits 36-jährig war.

Wohldosierte Reue

«Ich bin kein hoffnungsloser Fall, den man lebenslänglich wegsperren muss», erklärte der in zwei der drei Fälle Geständige vor Gericht. Das fünfköpfige Richtergremium muss nun bis Freitag entscheiden, ob der Mann auf der Anklagebank eine schwere hypersexuelle Störung hat, wie das eine Psychiaterin diagnostiziert hatte, oder ob der Täter bereits auf dem Weg zur Besserung ist und die Taten Entgleisungen aus sexueller Frustration heraus waren, wie der Beschuldigte behauptet.

«Ich kann niemandem Gewalt antun», versicherte der Angeklagte. Tatsächlich hat er ein reines Strafregister, spricht ruhig und vernünftig und zeigt wohldosierte Reue: «Ich habe die Frau an der Bolligenstrasse bedroht, erniedrigt und sexuell missbraucht, aber ich habe sie nicht vergewaltigt», sagte er. Auf Nachfrage des Richters findet er es auch verständlich, dass die Frau von der Bolligenstrasse 20'000 Franken und die Frau im Bremgartenwald 8000 Franken Genugtuung von ihm fordert.

Er könne sich auch weitere Wiedergutmachungen vorstellen: «Sofern sie das jemals möchten, würde ich den beiden Frauen gerne einmal unter anderen Umständen wieder begegnen.» Damit sie ein anderes Bild von ihm erhielten.

Das dürfte zumindest bei der jungen Frau von der Bolligenstrasse illusorisch sein: Sie wollte ihren Peiniger am Dienstag vor Gericht keinesfalls zu Gesicht bekommen und wurde deshalb erst in den Gerichtssaal geführt, als der Beschuldigte in einem Nebenraum war und der Verhandlung nur per Videoaufzeichnung folgen durfte.

Berner Zeitung

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