«Ja, wir haben Vertrauen verloren»

Ostermundigen

Pensionskassendebakel, nicht einkassierte Abfallgebühren und ein Durcheinander in der Lohnbuchhaltung: In Ostermundigen läuft derzeit einiges schief. Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos) gibt sich im Interview selbstkritisch.

Thomas Iten: Diese Woche ist er nicht primär Gemeindepräsident, sondern Küchenmitarbeiter im Jubla-Lager im Berner Jura.

Thomas Iten: Diese Woche ist er nicht primär Gemeindepräsident, sondern Küchenmitarbeiter im Jubla-Lager im Berner Jura.

(Bild: Beat Mathys)

Thomas Iten hat Ferien. Diese verbringt er nicht irgendwo am Strand, sondern auf einer Wiese am Waldrand. Im Berner Jura, oberhalb von Tramelan, haben 62 Kinder und 15 Erwachsene von Jungwacht Blauring (Jubla) Ostermundigen ihre Zelte aufgeschlagen. Iten ist Mitglied des Küchenteams.

Als Mundiger Gemeindepräsident hat es der 43-Jährige im Moment mit unangenehmeren Geschäften zu tun. Drei Beispiele: Die Pensionskasse muss für rund zwei Dutzend Millionen saniert werden. Bei 500 Haushalten hat die Gemeinde jahrelang versäumt, die Kehrichtgrundgebühren einzukassieren. Und bei einem Teil der 190 Gemeindeangestellten wurden mehrfach Sozialversicherungsbeiträge falsch verbucht und Löhne falsch ausbezahlt. Eine solche Häufung von Problemen wirft Fragen auf. Trotz Ferien hat Thomas Iten zu einem Gespräch eingewilligt.

Herr Iten, in Ostermundigen ist der Wurm drin. Was läuft falsch?Thomas Iten:Die Pensionskassengeschichte bindet sehr viel Arbeitskraft. Parallel dazu haben wir andere wichtige Projekte in Angriff genommen, etwa die Ortsplanungsrevision, das Tram und das Bärenhochhaus. Ich frage mich fast täglich: Machen wir zu viel aufs Mal? Setzen wir die falschen Prioritäten?

Wie lauten die Antworten?Vielleicht haben wir uns tatsächlich übernommen. Deshalb haben wir bei der Planung für das neue Verwaltungszentrum einen Gang zurückgeschaltet, obwohl auch das ein wichtiges Geschäft ist. Zudem wollen wir ein internes Controllingsystem aufbauen. Und wir haben eine Aufgaben- und Leistungsüberprüfung gestartet. Dort geht es um die Frage, welche Aufgaben die einzelnen Abteilungen erbringen. Welche sind gesetzlich vorgegeben, welche freiwillig? Es ist Zeit, das mal grundsätzlich zu hinterfragen.

Das tönt nach Sparprogramm.Es geht ums Sparen, aber nicht nur. Womöglich werden wir feststellen, dass gewisse Abteilungen zu wenig Ressourcen haben. Auch wir würden zum Beispiel gerne Standortmarketing betreiben, so wie andere Gemeinden. Doch dafür brauchten wir Geld. Ich bin nicht sicher, ob die politische Akzeptanz dafür im Moment vorhanden ist.

Vor Ihrem Amtsantritt vor viereinhalb Jahren war es in Ostermundigen ruhig. Zu ruhig?Es war eine andere Zeit. Vielleicht war der Druck zu wenig hoch, vielleicht habe ich zu hohe Erwartungen geschürt. Aber ich finde: Wenn wir unsere Wohn- und Standortqualitäten behalten oder verbessern wollen, müssen wir uns verändern. Deshalb wollten wir Geschäfte wie die Ortsplanungsrevision nicht einfach verschieben, bis die Sache mit der Pensionskasse abgeschlossen ist.

Und doch ist die Pensionskasse das dominierende Thema, das vieles andere blockiert.Ja, leider. Wir hoffen nun, dass die zweite Volksabstimmung am 24. September besser ausgeht als die erste im vergangenen November. Wichtig ist, dass das Volk einer der beiden Sanierungsvarianten zustimmt, egal, welcher. Dann hätten wir endlich wieder mehr Zeit für anderes.

Vor der ersten Abstimmung deklarierte der Gemeinderat das 31,6-Millionen-Sanierungspaket als gebundene Ausgabe und wollte so eine Volksabstimmung verhindern. Da ging viel Vertrauen verloren.Das war einer der Knackpunkte. Der andere war, dass wir unsere eigene Pensionskasse vorderhand weiterführen wollten und nur eine Sanierungsvariante zur Abstimmung vorlegten. Aber im Gemeinderat entscheidet halt die Mehrheit. Wie auch immer: Der Regierungsstatthalter hat entschieden, dass die 31,6 Millionen keine gebundene Ausgabe seien und vors Volk müssten. Punkt. Ich will und kann nicht abstreiten, dass der Gemeinderat diesbezüglich Vertrauen verloren hat.

Dass die Gemeinde jahrelang versäumte, Abfallgebühren einzukassieren, war ebenfalls nicht vertrauensfördernd.Das können Sie laut sagen. Deshalb haben wir die Angelegen­heit von einem externen Fachmann untersuchen lassen. Sein Schlussbericht ist soeben eingetroffen. Wir werden ihn nun genau studieren.

Solche Vorfälle müssen doch Konsequenzen haben.Es sagt ja niemand, das habe keine Konsequenzen. Aber vorher müssen wir alle Hintergründe kennen. Und die stehen im Schlussbericht.

Die Pannen in der Lohnbuchhaltung dauern ebenfalls seit Jahren an. Warum bekommt man das nicht in den Griff?Da ist Verschiedenes zusammengekommen; interne Gründe und eine Systemumstellung. Aber das soll keine Ausrede sein. Die Sache ist sehr, sehr ärgerlich und wirft kein gutes Licht auf die Gemeindebehörden. Wir sind jetzt daran, die Fehler rückgängig zu machen. So wie es aussieht, wird niemand zu Schaden kommen.

Als Aussenstehender fragt man sich: Herrscht bei den Ostermundiger Gemeindebehörden der Schlendrian?Nein, im Gegenteil. Es ist viel Engagement da. Bei allen Schwierigkeiten dürfen wir auch das Positive nicht vergessen. Schauen Sie, was nur schon die Hochbauabteilung in letzter Zeit aufgegleist hat: ein Sanierungsprojekt für alle Kindergärten, einen neuen Gemeindesaal oder den Ausbau der Tagesschule, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

In der Verwaltung gab es in letzter Zeit viele Wechsel. Das ist kein gutes Zeichen.Die Ungewissheit, wie es mit der Pensionskasse weitergeht, spielte auch da eine Rolle. Eine weitere Schwierigkeit ist das Lohnsystem: Für die gleiche Aufgabe erhalten die Leute andernorts deutlich mehr Lohn als bei uns.

Würde eine Fusion mit der Stadt Bern solche und andere Probleme lösen?Nein. Ich bin überzeugt, dass wir als eigenständige Gemeinde besser fahren und näher bei der Bevölkerung sind. Auch die politische Stimmung in der Stadt spricht nicht gerade für eine Fusion: Es gibt die verschiedenen politischen Blöcke, parteiübergreifend wird wenig bis nichts gemacht. Das ist bei uns besser. Die Frage ist einfach: Gibt es noch andere Zusammenarbeits- oder Fusionsmodelle? Ich denke: Heute würde man Bolligen, Ittigen und Ostermundigen wahrscheinlich nicht mehr trennen.

Berner Zeitung

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