Kinder sollen schon im Spielgruppenalter Deutsch lernen

Bern

Fremdsprachige Kinder sollen schon vor dem Kindergarten in Deutsch gefördert werden. Der Gemeinderat will damit die Chancengleichheit in der Bildung erhöhen.

Kinder sollen schon Deutsch lernen können, bevor sie ins Kindergartenalter kommen (Symbolbild).

Kinder sollen schon Deutsch lernen können, bevor sie ins Kindergartenalter kommen (Symbolbild).

(Bild: iStock)

Lea Stuber

In der Stadt Bern leben Menschen aus 165 Ländern. Gesprochen wird also nicht nur Schweizerdeutsch, sondern auch ­Arabisch, Englisch oder Portugiesisch. Spätestens im Kindergarten kommen Kinder mit Deutsch in Berührung. Der Stadt Bern ist das aber zu spät. Sie möchte, dass Kinder bereits vor dem Kindergarten Deutsch lernen, und geht nun mit dem entsprechenden neuen Förderprogramm eines der Ziele der aktuellen Legislatur an.

Wirklich etwas Neues ist das Projekt nicht, vielmehr kann es als Erweiterung des Frühförderprogramm «Primano» verstanden werden, das seit 2013 existiert und Kinder bis zum Alter von 4 Jahren sprachlich fördert. Dieses besteht aus Modulen in Kitas und Spielgruppen, ergänzenden Mutter-Kind-Deutschkursen sowie dem Hausbesuchsprogramm «schritt:weise». Bei diesem werden 80 Kinder ab dem Alter von eineinhalb bis zwei Jahren zu Hause gemeinsam mit ihren Eltern intensiv begleitet.

Deutschkenntnisse erheben

Neu ist an der Frühförderung «Deutsch lernen vor dem Kindergarten», die neben dem Gesundheitsdienst das Schulamt, das Sozialamt sowie Familie und Quartier Stadt Bern erarbeiteten, dass systematisch die Deutschkenntnisse der zweieinhalb- bis dreieinhalbjährigen Kinder erhoben werden.

Im Fokus stehen dabei vor allem die Kinder, die weder eine Kindertagesstätte noch eine Spielgruppe besuchen. Denn den Kindern, die noch nicht viel Deutsch verstehen und reden, wird der Zugang zu Kitas und Spielgruppen nun erleichtert. Begleitet von erwachsenen Personen sollen sie dort, wenn sie mit anderen Kindern spielen, Geschichten hören oder eine kriechende Schnecke erforschen, Mundart lernen.

«Das ist eine Ungleichheit, die wir nicht tolerieren können.»Franziska Teuscher, Bildungsdirektorin Stadt Bern

Die Stadtberner Bildungs­direktorin Franziska Teuscher zitierte gestern an der Medienkonferenz aus dem Schweizer Bildungsbericht von 2018. Gemäss diesem liegt der Anteil der Jugendlichen mit Schulabschluss bei denjenigen mit Schweizer Pass deutlich höher als bei denjenigen ohne Schweizer Pass oder denjenigen, die im Ausland zur Welt gekommen sind. «Das ist eine Ungleichheit, die wir nicht tolerieren können», sagte Teuscher. Gemäss aktuellen Zahlen weisen in der Stadt Bern auch sechs Prozent der Kinder mit Deutsch als Erstsprache Sprachdefizite auf und erleben so einen erschwerten Kindergartenstart.

Über 1400 Eltern von Kindern zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Jahren erhalten in diesen Tagen einen Brief vom Gesundheitsdienst mit einem Fragebogen. Darin werden sie – in zwölf Sprachen – aufgefordert, die Deutschkenntnisse ihres Kindes abzuschätzen. Die Idee mit dem Fragebogen stammt aus Basel-Stadt. Er war der erste Kanton mit einer Deutschförderung vor dem Kindergarten, inzwischen nutzen auch Zürich, Chur und der Kanton Luzern den Fragebogen.

Im Unterschied zu Basel ist die Deutschförderung in Bern nicht obligatorisch, sondern fakultativ. Teuscher setzt auf die Kooperation mit den Eltern: «Mit einem Obligatorium müssten wir in gewissen Fällen sanktionieren. Die Schullaufbahn soll aber nicht schon mit einer Sanktion beginnen.» Teuscher gab sich offen, ein Obligatorium nochmals zu diskutieren, falls zu wenig Eltern mitmachen.

«Zugang für alle»

Zeigt die Auswertung des Fragebogens, dass ein Kind Sprachförderung braucht, wird den Eltern Mitte April empfohlen, das Kind in einer Kita oder Spielgruppe anzumelden. Ergänzend kann ein Muki-Kurs besucht werden. Familien mit wenig Geld erhalten einen Betreuungsgutschein für einen Kitaplatz an zwei Tagen pro Woche. «Primano»-Programmleiterin Mona Baumann, gemäss deren Erfahrung der Dialog mit den Eltern in der Frühförderung sehr wichtig ist, sagte: «Keinem Kind soll der Zugang zu einer Kita oder Spielgruppe verwehrt sein.»

Wenn mehr als die Hälfte der Spielgruppenkinder Deutsch als Zweit- oder Drittsprache haben, übernimmt die Stadt zudem die Hälfte der Kosten für eine zweite Spielgruppenleiterin. Das neue Förderprogramm kostet die Stadt jährlich 180000 Franken.

Ab dem neuen Schuljahr im August sollen die Kinder wöchentlich zwei Tage eine Kita oder drei Halbtage eine Spielgruppe besuchen, bevor sie ein Jahr später den Kindergarten beginnen werden.

Berner Zeitung

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