Kochend vor Wut

Stadt Bern

Das Theater an der Effingerstrasse bringt mit «Furor» ein brisantes Stück Zeitgeschichte auf die Bühne. Ein Wutbürger nimmt einen Politiker in Geiselhaft.

Sie verhandeln die Demokratie: Der Abgehängte und der Politiker. Foto: Severin Nowacki

Sie verhandeln die Demokratie: Der Abgehängte und der Politiker. Foto: Severin Nowacki

Helen Lagger@FuxHelen

«Lügenpresse», «weichgespülter Humanist» und «Wir sind das Volk» – diese Kampfbegriffe werden zurzeit im Theater an der Effingerstrasse bemüht. Im Stück «Furor» des deutschen Autorenpaars Lutz Hübner und Sarah Nemitz findet ein Schlagabtausch zwischen einem Vertreter der Eliten und einem Abgehängten statt. Der Politiker Heiko Braubach (Tobias Maehler) wird vom Paketboten Jerome Siebold (Aaron Frederik Defant) kurzfristig in Geiselhaft genommen. Verhandelt wird nichts Geringeres als die Demokratie.

Lutz Hübner und Sarah Nemitz haben «Furor» 2018 als Auftragsstück für das Schauspiel Frankfurt geschrieben. Das Theater an der Effingerstrasse bringt das beklemmende Kammerspiel als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne. Hausregisseur Stefan Meier führt Regie. Mit ihrem Stück «Frau Müller muss weg» (2010) gelang Hübner und Nemitz ein Coup. In der auch als Film erfolgreichen Komödie stehen Eltern und Lehrer auf dem Prüfstand.

Aktuell und brisant ist auch «Furor», nur zu lachen gibt es wenig. Dem Politiker Heiko Braubach ist ein junger Mann im Drogenrausch vors Auto gelaufen. Gemäss Polizeibericht und den Medien trifft Braubach keine Schuld. Doch er macht sich auf in die Sozialsiedlung und klingelt bei Nele Siebold (Gabriele Fischer), der Mutter des Opfers, das noch auf der Intensivstation liegt. Das Bühnenbild (Peter Aeschbacher) zeigt Innen und Aussen der tristen Umgebung: eine gemalte Häuserfas­sade im Gropius-Stil und ein Wohnzimmer mit abgetakelten Möbeln. Die Regie setzt auf musikalische Untermalungen immer dann, wenn es besonders bedrohlich wird.

Rote Weste

Der verunfallte Junge selbst ist nur durch ein Foto präsent. Nele empfängt den Politiker, den sie aus dem Fernsehen kennt, mit Skepsis. «Von ihrem Mitleid kann ich mir nichts kaufen», sagt sie. Doch Braubach scheint es ernst zu meinen und schlägt vor, ihrem Sohn nach der Reha zu helfen, eine Lehrstelle zu finden. «Wenn ich gewusst hätte, dass man mit ihnen reden kann», gibt sich die Mutter versöhnlich und willigtin die Pläne des Politikers ein. Nicht reden, sondern verhandeln will hingegen ihr Neffe Jerome, der mit einer roten Weste ge­kleidet – die «gilets jaunes» lassen grüssen – das Wohnzimmer stürmt.

Er bittet seine Tante, ihn mit Braubach allein zu lassen. Es kommt zur Eskalation. «Die Stimme des Volkes», wie Jerome sich versteht, richtet und droht dem «Volksverräter», wie er den Topkandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters bezeichnet. Jerome hat Verschwörungstheorien aus dem Internet im Köcher, während Braubach über gute Beziehungen und Medienkompetenz verfügt. Der kaum noch verwendete Begriff «Furor» bedeutet so viel wie Raserei, Wut und wilde Kampfeslust. Aaron Frederik Defant verkörpert den ent­fesselten Wüterich perfekt. – Die Frage bleibt, woher der ganze Hass überhaupt kommt. Das Theater schlägt in einem Glaskasten die passende Lektüre zum Thema vor. Das Spektrum reicht von «Der Zerfall der Demokratie» bis zu «Die AfD – psychologisch betrachtet».

Nächste Vorstellung: Mittwoch, 6. November, 20 Uhr, Theater an der Effingerstrasse, Bern.
www.dastheater-effingerstr.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...