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L’estate di Berna

Seit der YB-Meisterfeier Ende Mai hat sich die Stadt Bern in einen mediterranen Apéro-, Fest- und Entspannungszustand hineingesteigert. Bald braucht man einen Erholungsurlaub von der urbanen Sommerekstase.

Das Leben spielt sich draussen ab: Der Berner Sommer 2018 ist ein besonderer. Illustration: Max Spring
Das Leben spielt sich draussen ab: Der Berner Sommer 2018 ist ein besonderer. Illustration: Max Spring

Grossartig. Man sitzt, nach einem heissen Tag im Büro, zum Feierabend bei Peter Flamingo, der aus ein paar Containern bestehenden Freiluft-Pop-up-Bar auf der Einsteinterrasse der Grossen Schanze.

Die Stühle sind ab 18 Uhr rasch besetzt, man fläzt sich auf ein Sofa oder lehnt lässig an einen Stapel farbiger Paletten, man sieht tätowierte Arme, rasierte Beine, verspiegelte Sonnenbrillen und Fussballerfrisuren sowie ganz viel offensive Lockerheit und gute Laune. Wer noch kein Hipsterbärtchen hat, dem spriesst es hier und jetzt.

Summer in the city: Der Blick schweift über die nahen Dächer der Stadt, über denen die aufgeheizte Luft flimmert wie über dem Basar von Marrakesch, doch dann schaut man hinunter auf die Geleise und die Monsterbaustelle zur Umgestaltung des Bahnhofs. Was für eine coole Location!

Wäre es Berlin oder London oder Kopenhagen, man würde sich hinstellen, ein Selfie schiessen und dieses sofort auf Instagram posten: Ich in der Grossstadt. Aber das hier ist Bern, und trotzdem wahr: Eine hingeworfene Bar im Sponti-Look an einem früheren Unort, bekannt für Kriminalität und Drogenhandel, und jetzt startet man hier, im Flugmodus über der superurbanen Szenerie der Bahnhofszukunft, mit einem Shangri-La-Bier aus Tibet und Latin-Rhythmen aus den Lautsprechern schwitzend in einen dieser Stadtberner Sommerabende, die sich aneinanderreihen wie eine unendliche Netflix-Serie.

Was für eine Hitze! Was für ein Sommer! Was für eine Stadt! Ausgerechnet in der Ferienzeit, wenn vermeintlich alle verreist sind, wächst Bern so richtig über sich hinaus. Peter Flamingo ist nur ein Vertreter aus der vibrierenden Pop-up-Blase. Man könnte seinen Abend auch in der extravaganten Kunsthalle-Bar lancieren oder im «Trybholz» beim Altenbergsteg .

Wichtig ist, sich danach in die Nacht der Sommergrossstadt Bern hineintreiben zu lassen. Ohne Ziel, denn fast sicher stösst man irgendwo auf eine Konzertbühne, eine Open-Air-Leinwand, einen improvisierten Bartresen unter freiem Himmel.

Wenn nicht, ist da die unwirklich warme Aare, die einen auch bei einbrechender Dunkelheit noch in die Stadt spült. Am nächsten Morgen steht die kalifornische Sonne schon wieder über dem gleissenden Bern, es gibt Yoga mit Nina auf der Schanzenterrasse, Yoga mit Dominic im Altenberg, Yoga mit Janet im Kocherpark, und natürlich zieht es einen dann, mit flexibler Wirbelsäule und geöffneten Energiebahnen, zu einem der Food-Trucks mit veganer Auslage, die wie zufällig dastehen.

Es gab Berner Sommer, da war das viertägige Gurtenfestival auf dem Berner Hausbergin Köniz der einsame Höhepunkt. Und 2018? War das Gurtenfestival ein sonniger Event, der sich schön einreihte ins Fest- und Feiergefühl, in dem sich die Stadt seit der YB-Meisterfeier Ende Mai eingerichtet hat.

Man kann sich locker müdefeiern, ohne einen einzigen Schritt aus der Stadt zu tun: Zwei lange Nächte «No borders, no nations»-Festival vor der Reitschule, drei Wochen Sound und Film beim Parkonia-Festival im Kocherpark, und unten im Marzili beamte einen das Open-Air-Filmfestival mit «Como agua para chocolate» nach Mexiko und in die junge Liebe der 90er-Jahre. Verreisen? Unnötig. Pause? Nicht in Bern.

Die Bespielung der parkplatzbefreiten Schützenmatte mit dem Neustadt-Lab beginnt erst Ende dieser Woche, und das grosse Buskers-Festival steht noch am Horizont. Der Summer-in-the-city-Burn-out, er scheint unvermeidbar.

Berns grosses Sommererwachen ist politisch gewollt – und damit rot-grün eingefärbt. In Zeiten wachsender Bevölkerung und verdichteten Bauens sollen die Leute Pärke, Strassen und Plätze nach modernen urbanen Vorstellungen beleben. Mit sich selber. Behördlich unterstützt, so steht es in den Legislaturzielen der Stadtregierung.

Was nicht ohne Lärm abgeht. Letzte Woche stellte die Gewerbepolizei wegen nicht vorliegender Bewilligung einem Gitarristen im Kocherpark den Strom ab. Um 19 Uhr. Ein Misston, den erzürnte Stadtpolitiker sofort auf die Agenda von Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) befahlen: Wir müssen reden. Das sind – ein Jahr nach der Affäre um überteuerte Bio-Hotdogs in Berner Badis – die Reibungsflächen der Sommergrossstadt Bern.

Ja, Grossstadt: Auf dem Rasen vor dem Unihauptgebäude auf der Grossen Schanze sitzen ein paar Hänger mit strähnigen Haaren und struppigen Hunden sowie Gruppen von Schwarzen, die auf Arabisch und in afrikanischen Dialekten diskutieren, vor sich grosse Pakete mit Billigbierdosen.

Das Shangri-La-Exilbier bei Peter Flamingo kostet 7 Franken. Es ist wahr: Ohne Kleingeld ist man beim Apéromarathon durch den wochenlangen Wundersommer in der Wohlstandsoase Bern nicht dabei.

Es ist schwierig, auf dem Heimweg an der Filiale der Gelateria di Berna einfach vorbeizufahren. Das Aroma «Mare di Nutella» heisst jetzt «Mare di Berna», und vielleicht lässt man danach den Abend bei einem Bier in der Bar Campo im Liebefeld ausklingen.

Man ertappt sich beim Gedanken, dass irgendwann die Normalität wieder einkehrt. Vielleicht. Doch die Sonne ist dramatisch untergegangen, plötzlich glaubt man, vom kleinen Teich vor der Bar das Rauschen des Meeres zu hören. Einen Augenblick lang ist es, als hätte Bern nicht nur den Gelato neu erfunden, sondern den ganzen Sommer: l’estate di Berna.

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