Längere Öffnungszeiten – lernen von Luzern

Die Läden in der unteren Berner Altstadt sollen künftig länger offen bleiben. Kritiker behaupten: Dadurch würden einheimische Anbieter verdrängt und grosse Ketten angezogen, so wie es in Luzern geschehen sei.

  • loading indicator
Ralph Heiniger

Samstagnachmittag in Luzern. Die Tourismusmetropole der Zentralschweiz platzt aus allen Nähten. Am Schwanenplatz steigen Carladungen voller asiatischer Touristen aus, die sich kauffreudig auf den Weg in die Stadt machen. An der Grendelstrasse wähnt man sich bei einem Blick in die Menschenmenge eher in Chinatown als in der Luzerner Altstadt. Auf dieser Touristenroute reiht sich Uhrengeschäft an Schmuckgeschäft.

Die Debatte um eine Verarmung im Branchenmix, eine Verdrängung der einheimischen Gewerbler zugunsten von Monobrandshops – sie wird in Luzern intensiv geführt. Im Gegensatz zur Stadt Bern gibt es in Luzern bereits Ausnahmeregeln, was die Öffnungszeiten betrifft. Eine dieser Ausnahmeregeln gilt ausschliesslich für jene Geschäfte, die ihr Geld mit dem Tourismus verdienen – ansonsten ist Luzern sogar in diesem Bereich restriktiver als Bern (siehe Box). Sind lange Öffnungszeiten der sichere Weg zu Verdrängungseffekten und Branchenarmut?

Nein, sicher nicht, sagt Peter Bucher, Beauftragter für Wirtschaftsfragen der Stadt Luzern. «Die Branchenmix-Diskussion in der Stadt Luzern hat meiner Meinung nichts mit den Öffnungszeiten zu tun», so Bucher. Das liege vielmehr an der Menge der Reisegruppen, welche nach Luzern kämen, insbesondere jener aus China. «Die Nachfrage nach diesen Produkten ist sehr gross, und entsprechend richtet sich das Angebot danach aus», so Bucher. Das führte beim Schwanenplatz tatsächlich zu einer Uhren-und-Schmuck-Meile.

Sinnlose Zonen-Grenze?

Bern-City-Direktor Sven Gubler kennt die Situation in Luzern gut. Er sieht durchaus mögliche Parallelen, wenn die untere Berner Altstadt – wie vom Grossrat beschlossen – liberalere Öffnungszeiten einführen kann. «Die Gefahr einer Verdrängung des lokalen Handels durch Monobrandshops besteht», sagt Gubler. Aber er betont: «Wir sind im Prinzip nicht gegen eine Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten.»

Dass aber unter dem Zytglogge eine Grenze gezogen werde – wie vom Grossrat beschlossen –, ergebe bei der Kompaktheit der Stadt Bern keinen Sinn. «Wir befürchten, dass die geplante Regelung in der unteren Altstadt zu einer Verdrängung führen wird, zu einer totalen Veränderung des einzigartigen Branchenmix», so Gubler.

Weniger Tourismus in Bern

Aus Sicht von Bern City ist ein reichhaltiger Branchenmix für die Hauptstadt wesentlich wichtiger als die touristische Wertschöpfung. Die Relevanz des Tourismus für die gesamte Wertschöpfung in Bern sei nicht mit Luzern zu vergleichen, sagt Sven Gubler. «Das touristische Volumen in Luzern ist gigantisch.»

Die Stadt Luzern zählt über 1,2 Millionen Logiernächte und dazu noch rund 8 Millionen Tagesgäste. Von solchen Dimensionen ist Bern weit entfernt. Die Logiernächte liegen hier bei rund 700'000, Zahlen zu den Tagesgästen gibt es nicht.

Auch die Wertschöpfung durch den Tourismus spielt für Luzern eine ganz andere Rolle als für Bern. Laut Peter Bucher beträgt der Anteil der lokalen Wertschöpfung durch die Tourismusbranche in Luzern über 8 Prozent, während es in Bern unter 4 Prozent seien. Daher räumt auch Sven Gubler ein, dass die Uhren-und-Schmuck-Meile in Luzern aus wirtschaftlicher Sicht absolut Sinn ergibt.

Konzentration in Luzern

Neben der hohen Wertschöpfung an der Uhren-und-Schmuck-Meile habe diese in Luzern auch zu einer Konzentration der Touristenströme geführt, sagt Peter Bucher. In der Tat: Nur ein, zwei Gassen neben den besagten Touristenmeilen bietet sich dem Luzern-Besucher ein ganz anderes Branchenbild. Dort findet man den einheimischen Bäcker, das einheimische Schuhgeschäft oder den einheimischen Optiker. Dort besteht die Kundschaft vor allem aus Einheimischen.

Einzigartiger Mix in Bern

Ein wesentlicher Unterschied der geplanten Regelung in Bern gegenüber Luzern ist die Ausrichtung auf den Tourismus. In Luzern gibt es die Ausnahmeregelung, welche Tourismusgeschäften längere Öffnungszeiten zugesteht. In Bern gibt es diese Auflage bis jetzt nicht. Gubler befürchtet, dass die untere Altstadt wegen ihrer künftig liberalen Öffnungszeiten eine Sogwirkung auf grosse Ketten haben könnte.

Dies würde zu Branchenarmut führen, wie dies bereits in anderen Städten der Fall ist. Denn liberalere Öffnungszeiten können sich insbesondere Kleinbetriebe nicht leisten, und diese machen den einzigartigen Branchenmix der unteren Altstadt aus.

Chance oder Gefahr?

Der Luzerner Beauftragte für Wirtschaftsfragen hingegen teilt diese Befürchtung auch bei der Regelung in Bern nicht. «Liberale Öffnungszeiten helfen dabei, verschiedene Kundengruppen zu verschiedenen Zeiten zu erschliessen», sagt Bucher. Er sieht liberale Öffnungszeiten eher als Chance dafür, den Branchenmix zu verbessern, weil sich die Geschäfte viel genauer auf die Einkaufsgewohnheiten ihrer spezifischen Kunden ausrichten können.

«Diese Chance sehen wir sehr wohl», entgegnet Sven Gubler. Aber wenn die Regulierung nur in einem Stadtteil liberaler werde, dann werde der Druck auf diesen enorm. Dann bestehe die Gefahr der Verdrängung, so wie sie in Luzern aus Bedürfnisgründen geschehen sei, sagt Bern-City-Direktor Sven Gubler.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt