Lieber auf dem Gurten aufräumen als am Buskers Bändeli verkaufen

Jedes Jahr hat das Strassenfest Buskers Schwierigkeiten damit, genügend Helfer zu finden. Dieses Problem kennen das Gurtenfestival oder der Stadtlauf nicht. Weshalb sind manche Anlässe für Freiwillige attraktiver als andere?

Die «Trash-Heroes» sorgen während des Gurtenfestivals für ein sauberes Festgelände.

Die «Trash-Heroes» sorgen während des Gurtenfestivals für ein sauberes Festgelände.

(Bild: Sandra Blaser)

Sheila Matti

Jedes Jahr erreicht derselbe Hilferuf die Redaktion dieser Zeitung. Am 15. Juni 2015 verkündete eine Mitteilung: «Dringend, Buskers Bern braucht noch 180 Helfer(innen)!» Ein Jahr später, am 8. Juli 2016, hiess es: «Dringend, Buskers Bern braucht noch 110 Bändeliverkäufer(innen)!» Und auch diesen Sommer, am 23. Juni, traf die Nachricht ein: «Dringend, Buskers Bern braucht noch 190 Helfer(innen)!»

Dem Strassenmusikfest Buskers scheint es konstant an helfenden Händen zu mangeln. Schwierigkeiten, die ein paar Wochen später – wenn das Buskers die Gassen mit Musik und Gauklern füllt – kaum zu spüren sind. «Bisher gelang es uns zum Glück immer, genügend Helferinnen und Helfer zu finden», sagt Festivalleiterin Christine Wyss und erklärt, dass viele ihren Einsatz erst kurz vor dem Festival anmelden würden.

Das Problem liege aber keineswegs am fehlenden Engagement, versichert Wyss, sondern vielmehr an der Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft: «Die Leute wollen sich einfach nicht mehr ein halbes Jahr im Voraus festlegen, sondern halten sich alle Alternativen offen.»

Ein Trend, von dem andere Grossanlässe in der Stadt Bern nicht betroffen sind. So teilen ­etwa die Verantwortlichen des Gurtenfestivals und des Grand Prix, des Berner Stadtlaufs, mit, dass sie bereits mehrere Monate im Voraus die nötigen Helfenden beisammen haben. Die Nachfrage sei so gross, dass beide Anlässe regelmässig Interessierte abweisen müssen. Doch weshalb melden sich für den einen Anlass zu viele und für den anderen gerade genügend Freiwillige?

Ausreichende Gegenleistung

Der auffälligste Unterschied zwischen dem Buskers, dem Gurtenfestival und dem Grand Prix Bern ist die Gegenleistung, welche geboten wird. Die beiden letzteren Anlässe entlohnen den Einsatz mit einem Tagessatz; beim Gurten erhält man je nach Position und Verantwortung zwischen 100 und 220 Franken, beim Grand Prix je nach Einsatzdauer zwischen 30 und 90 Franken.

Für das Buskers hingegen wird gratis gearbeitet, als Dankesgabe erhält man lediglich ein Staff-T-Shirt, eine kostenlose Verpflegung sowie einen privilegierten Eintritt – alles Gegenleistungen, die auch die beiden anderen Anlässe anbieten.

«Ein Tagessatz oder ein Stundenlohn kommt für uns nicht ­infrage», meint Christine Wyss, «schliesslich beteiligen sich unsere Helferinnen und Helfer nicht aufgrund des Geldes, sondern wegen der Atmosphäre und des Erlebnisses.»

Individuelle Identifikation

Wichtig scheint zudem die persönliche Verbindung zum jeweiligen Anlass zu sein. So würden sich für das Gurtenfestival beispielsweise viele Jugendliche und Junggebliebene verpflichten, erklärt Mediensprecher Simon Haldemann: «Was das Alter und die Berufsgattung angeht, widerspiegeln unsere rund 1400 Helfenden das Festivalpublikum: Es handelt sich hauptsächlich um Studierende, im Alter zwischen 18 und 27 Jahren.»

Beim Grand Prix wiederum packen viele Sportbegeisterte mit an: Von 1200 Freiwilligen treten rund 840 (also über 70 Prozent) im Team oder als Verein an. «Turnvereine oder Hockeyklubs bessern sich mit dem Einsatz am Grand Prix das Vereinskässeli auf», erklärt OK-Präsident Matthias Aebischer. Weil zudem viele Beteiligte selbst am Rennen teilnehmen, käme es während der Laufzeiten teilweise sogar zu Personalengpässen.

Anders gestaltet sich die Situation beim Buskers: Hier wird kein spezifisches Publikum angesprochen, weshalb sich auch die Equipe der Helfenden aus vielen verschiedenen Menschengruppen zusammensetzt. Von Kindern über Geschäftsmänner bis hin zu Pensionierten tragen alle möglichen Leute ihren Teil zum Buskers bei, erzählt Christine Wyss.

Angenehme Einsatzdauer

Auch hinsichtlich der Art und Dauer der Einsätze unterscheiden sich die Anlässe. Beim Gur­tenfestival arbeiten viele Helferinnen und Helfer an allen vier Festivaltagen, jeweils von früh bis spät. «Die Arbeit auf dem Gurten ist hart», betont Simon Haldemann. Dennoch treffen jährlich so viele Anmeldungen ein, dass das Festival eine Sonderregelung einführen musste: Neulinge fangen bei den «Trash-He­roes» an und sammeln den Müll auf dem Gelände ein. Erst wer länger dabei ist, erhält einen der beliebteren Jobs und darf etwa am Getränkestand mithelfen.

Auch beim Grand Prix werden die Wunschpositionen von langjährigen Unterstützern stärker berücksichtigt. Der Stadtlauf verfügt zudem über ein ausgeklügeltes elektronisches System, in dem alle Freiwilligen samt Stärken und Schwächen gespeichert sind. Gerade in Start- und Zielbereich würden nur Leute eingesetzt werden, die langjährige Erfahrungen im Umgang mit Läufern hätten, erklärt Matthias Aebischer. Weil sich der Grand Prix auf einen Tag beschränkt, hält sich auch die Dauer der Einsätze in Grenzen.

Am angenehmsten scheint die Partizipation am Buskers zu sein. Hier werden jedem Helfer zwei Einsätze an jeweils vier Stunden zugeteilt, das Festival selbst dauert drei Tage. Und für jene, die keine Minute des Festivals verpassen wollen, gibt es im Vorfeld ­extra Tage, an denen etwa Programmhefte verschickt werden. «Dies sind jeweils gut besucht», so Christine Wyss. An Bändeliverkäufern hingegen scheint es traditionsgemäss zu mangeln.

Berner Zeitung

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