Abschied von Mr. Hochrechnung

Seit 27 Jahren ist Claude Longchamp das Politorakel der Schweiz. Am 21. Mai kommentiert er zum letzten Mal am TV eine Abstimmung. Wer ist der Mann hinter der Fliege?

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Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Es war der meistgenannte Vorwurf, als Studenten der Universität St. Gallen den Dozenten ­Claude Longchamp bewerten mussten: Der Politikwissenschafter halte seine Vorlesungen ohne die obligate Fliege – er nehme so seine Hörer nicht richtig ernst. Amüsiert rapportiert Longchamp die Rüge in seinem Büro des Forschungsinstituts GFS Bern. Er weiss: «Trete ich ohne Fliege auf, fehlt etwas.»

Seit 27 Jahren ist Longchamp der Mann mit der Fliege. Sie ist sein Markenzeichen, wenn er für das Schweizer Fernsehen SRF die Hochrechnungen und den Ausgang von Abstimmungen oder Wahlen kommentiert. Am 21. Mai, bei der Abstimmung über die Energiewende, hat die Fliege nun ihre Derniere. Longchamp, eben 60 Jahre alt geworden, analysiert letztmals live vor der Kamera. Er will beruflich kürzertreten und geht mit seiner Partnerin auf eine Weltreise. Ohne Fliege.

Ausgerechnet am Halsschmuck wäre Longchamps TV-Karrierestart fast gescheitert. 1991 setzte er sich beim Kameraeignungstest für eine neue Abstimmungs- und Wahlsendung des Schweizer Fernsehens zwar durch, aber unter einem Vorbehalt: Die TV-Oberen erklärten dem Rollkragenpulliträger, bei der Premiere anlässlich der EWR-Abstimmung müsse er definitiv eine Krawatte tragen.

Versöhnung mit der Fliege

Für den damals ziemlich links stehenden Longchamp war das ein No-go: «Eine Krawatte war für mich seit der Rekrutenschule eine bürgerliche Schikane.» Man schlug ihm als Alternative eine Fliege vor, die er in einem «Zischtigsclub» testete. Danach habe er im Zürcher Niederdorf, noch mit Fliege, ein Bier getrunken, erzählt er. «Ich merkte, dass ich im Lokal insbesondere den Frauen auffiel.» Es war der erste Schritt zur Versöhnung mit der Fliege. Heute akzeptiert Longchamp, dass zu einer TV-Rolle ein «Wiedererkennungsmerkmal» gehört.

TV-Zuschauer haben sich schon nach dem Farbcode seiner Fliege erkundigt. «Sie vermuten, dass ich mit der Farbe vor der ersten Hochrechnung den Ausgang der Abstimmung verrate.» Tut er das? «Nein, ich nehme etwa drei farblich verschiedene Fliegen mit ins TV-Studio und entscheide mich dann aufgrund meiner Tagesform spontan für eine.»

Longchamp erhält auch auf der Strasse Feedback. «TV-Zuschauer sprechen mich an, um zu spüren, wer der Mensch hinter dem TV-Mann mit der Fliege ist.» Meist bekomme er Lob zu hören, sagt er. Wenn es Kritik sei, betreffe sie sein Äusseres: Er sei unrasiert, seine Brille verschmiert und der oberste Hemdknopf hinter der Fliege offen. «Das ist mein kleiner Protest gegen die äusserliche Normierung am Bildschirm», sagt Longchamp. Auch in seinem Büro blickt er durch wolkige Brillengläser und widersetzt sich mit einem zwanglosen Outfit seinem properen Alter Ego am Bildschirm.

Es gibt keinen geheimen Farbcode meiner Fliege. Ich nehme etwa drei farblich verschiedene Fliegen mit ins TV-Studio und entscheide mich dann spontan für eine.Longchamp

Lassen wir die Äusserlichkeiten. Denn Longchamp kommt am Bildschirm vor allem deshalb erfolgreich rüber, weil er so gut spricht. Die Zuschauer rühmen in Zuschriften an den Sender, dass er durchdacht, vor allem aber neutral und empathisch rede – anders als die Politiker, die sich in der TV-Arena gegenseitig ins Wort fallen und immer das Gleiche sagen. Der studierte Historiker kann in einem Satz einen Bogen vom Mittelalter Karls des Grossen bis zum Populismus der Gegenwart schlagen. Jeden Satz beendet er korrekt. Jeder Satz hat eine Aussage.

Die Klappe der Nation

Tristan Brenn, der Chefredaktor von Fernsehen SRF, bestätigt: «Claude Longchamp ist in Sachen TV ein Naturtalent, er ist wortgewaltig, schlau, witzig, nie um einen klaren Satz verlegen.» So habe es 1991 «auf der Hand gelegen», dass man nicht wie andere Sender einen Moderator oder TV-Journalisten, sondern den Wahlanalytiker selber habe reden lassen. Wie ersetzt man so ein analytisch-rhetorisches Multitalent? «Wie die Lösung für seine Nachfolge ausschaut, wissen wir noch nicht definitiv», sagt Chefredaktor Brenn.

Longchamps Mundwerk ist nicht bloss eine Talentfrage. Er erzählt, dass er als junger Historiker in einer Privatschule unterrichtete, deren Direktorin die Lehrer in einen «brutalen Rhetorikkurs» schickte. Um ihnen den Akademikerslang auszutreiben. Longchamp spricht immer bildhaft. Vom früheren Bundesratssprecher Oswald Sigg hat er gelernt, dass jeder Text einen roten Faden haben muss. «Reisst der Faden, darf man auf keinen Fall den Perlen nachrennen, sondern muss den Faden wieder aufnehmen und zu einem Schluss ­kommen.»

Vor einem TV-Auftritt prägt sich Longchamp zehn Stichworte zum Thema ein, bis er diese in zehn Sekunden niederschreiben kann. Das ist sein Geheimrezept. Kein Wunder, freute er sich, als TV und Radio die früher endlose Redezeit am Sender verkürzten. Dass der Politbetrieb schneller und pointierter geworden ist, ist auch das Verdienst des rasenden Kommentators Longchamp.

Einen Blackout hatte er vor der Kamera nie. Als er 2014 das Resultat der SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung ankündigen wollte, versagte aber seine Stimme, und er musste neu ansetzen. Man verzieh es ihm. Longchamps Redekunst ist unbestritten. Zuschauer haben ihn schon gebeten, Bundesrat Johann Schneider-Ammann einen Redekurs zu geben.

Monopol, Minarett, Mimose

Nach 27 Jahren TV-Präsenz ist Claude Longchamp eine Instanz. Wenn man das Rampenlicht des Fernsehens verlässt und hinter die Kulissen leuchtet, erkennt man aber: Longchamps Deutungshoheit am Bildschirm löst auch Kritik und Neid aus. Seine Hauptkritiker seien Journalisten, sagt er: «Nach dem Prinzip der medialen Vereinfachung orientieren sie sich an drei grossen M: Monopol, Minarett und Mimose.»

Die früheren Bundeshausjournalisten Urs Paul Engeler und ­René Zeller hätten ihn zum Monopolisten erhoben, der als Strippenzieher alle berate: Bundesräte, Parteien, Behörden, Verbände. Die Artikel der beiden Journalisten liegen Jahre zurück, die Vorwürfe sind verhallt. Aber Longchamp hat sie nicht vergessen. Als ob er sie nach der 10-Punkte-Memoriermethode minutiös abgespeichert hätte.

Er bestreitet nicht, dass er ein Mandat der EJPD-Bundesräte Arnold Koller und Ruth Metzler für Abstimmungsberatungen innehatte, wie er es heute nicht mehr annehmen würde. «Es war eine andere Zeit, auch die Medien waren damals regierungsnah», fügt er an. «Ich habe querbeet durch die Schweiz zahllose Akteure, Parteien, Verbände, Behörden und Unternehmen beraten, grosse und kleine, das ist mein Job», sagt Longchamp. Nie habe er aber wie eine PR-Agentur gezielt politischen Anliegen zum Durchbruch verhelfen wollen.

Der einzige Irrtum

Das zweite M betrifft einen wunden Punkt Longchamps: die einzige Fehlprognose seiner Karriere. Vor der SVP-Initiative für ein Minarettverbot vom November 2009 hatte er zwar einen knappen Ausgang vorausgesagt, ein Ja aber ausgeschlossen. Der Frust der auf dem falschen Fuss erwischten Verlierer traf auch Longchamp. Sie warfen ihm vor, er habe sich von den vorher befragten Wählern anlügen lassen. «Sie haben nicht gelogen, sondern sich im letzten Moment ­umentschieden», widerspricht Longchamp knapp.

Der dritte Vorwurf der Mimose könnte auf die Ecopop-Abstimmung von 2014 zurückgehen. Longchamp wurde vorgehalten, er habe den Ja-Anteil zu hoch eingeschätzt. Im Nachgang versuchte der «Blick» einen Streit zwischen den beiden Staranalytikern Longchamp und Michael Hermann zu inszenieren. Hermann hatte seinen älteren Konkurrenten in der NZZ eine «Diva» genannt. Die beiden Alphatiere und Konkurrenten liessen sich aber nicht vorführen. Longchamp äusserte sich nicht, Hermann entschuldigte sich bei Longchamp und erklärte, der «Diva»-Vorwurf sei unbedacht und ohne seine Zustimmung zitiert worden.

Der unberechenbare Wähler

Wenn wir schon bei heiklen Fragen sind, Herr Longchamp, ist Ihre Branche seit den Fehlprognosen beim Brexit und bei Donald Trumps Wahl diskreditiert? Longchamp ist jetzt für einen Moment richtig ungehalten. «Muss ich wirklich aufzählen, dass die Voraussagen bei den jüngsten Wahlen in Österreich, den Niederlanden und in Frankreich alle präzis waren?», ärgert er sich. Überhaupt sei sein Feld die Schweiz, zum Brexit und zu Trump habe er sich nicht öffentlich geäussert.

Er spricht dann doch kurz über Trump, weil es da um ein neues Phänomen geht, das die Vorwürfe bei der Minarettinitiative entkräftet. Es ist ein Zusammenspiel zwischen Demobilisierung und Mobilisierung: Wird jemand angeschossen wie Hillary Clinton durch die von der FBI aufgedeckte E-Mail-Affäre, springen unentschlossene Wähler ab. Gleichzeitig mobilisierte Clintons Schwächung neue Trump-Wähler, die plötzlich doch eine Siegeschance ihres Kandidaten sahen.

«Ein wenig Wehmut spüre ich schon. Aber ich ­verschwinde ja nur vom Bildschirm, nicht von der ­Bildfläche.»Claude Longchamp

Nach diesem Muster, erklärt Longchamp, habe 2009 auch der Entscheid der Stadt Basel, die als politisch unkorrekt geltenden Anti-Minarett-Plakate zu verbieten, SVP-Wähler an die Urne getrieben. «Die Wähler sind heute unberechenbarer, ein wachsender Anteil entscheidet sich erst im letzten Moment.» Und weil man in der Schweiz drei Wochen vor dem Abstimmungstermin keine Umfragedaten mehr erhebe, wisse man als Analytiker nicht, wie und warum sich Unentschlossene am Ende entscheiden.

«Verzerrter Wettbewerb»

Kurz vor seinem Kameraabschied hat die SRG Longchamps Forschungsinstitut GFS Bern das Wahlbarometer entzogen und das Mandat ausgerechnet an seinen Konkurrenten Michael Hermann vergeben. Ärgert das Longchamp? «Ideell und finanziell viel schmerzhafter ist der Verlust der Vox-Analyse», erwidert er. Über 30 Jahre lang hat das Forschungsinstitut GFS Bern mit Partnern der Universitäten Zürich, Bern und Genf die populäre Nachwahlbefragung durchgeführt.

Der Bund als wichtigster Geldgeber hat den Auftrag nun an das Fors-Forschungszentrum der Uni Lausanne vergeben. «Dass diese Aufträge an universitätsnahe Institute vergeben werden, die auch staatliche Gelder erhalten, betrachte ich als Wettbewerbsverzerrung», findet Privatunternehmer Longchamp. Er versteht die Entscheide der SRG und des Bunds als «Konzession», um dem Vorwurf zu entgehen, der angebliche Monopolist Longchamp werde geschützt. Immerhin schafft die Neuvergabe der Aufträge Konkurrenz, die das Geschäft belebt. Und die Longchamps Institut herausfordert und besser macht.

Monument und Macher

Claude Longchamp ist mehr als der TV-Mann mit der Fliege und die Medienfigur aus der engen 3-M-Perspektive. «Die beiden decken ja meine Persönlichkeit nur unvollständig ab», sagt er. Zur Vermessung des Planeten Longchamp schlägt er drei neue M vor: «Monument, Macher, Memory.»

Wer ihn in seinem Büro im fünften Stock mit Weitblick besucht, erlebt eine Vorlesungsstunde. Sein Überblick ist wahrhaft monumental. Longchamp erklärt die Schweiz, und man hört zu. Man hört gern zu, weil er frei spricht, anschaulich und leidenschaftlich erzählt.

Aber es bleibt ein respektvoller Abstand. Der Mensch Longchamp verbirgt sich immer ein wenig hinter seinem Wissen. Wenn er spricht, thront er auf seinem Stuhl. Nicht von ungefähr befand eine Mehrheit der Gäste am Fest zu seinem 60. Geburtstag in einer garantiert nicht repräsentativen Umfrage, der Geniesser Longchamp wäre in einem anderen Leben Schlossherr im Burgund geworden.

Auf eine akademische Karriere hat er verzichtet und dafür seinen eigenen Weg eingeschlagen. Als historischer, politischer und medialer Unternehmer, als Macher: In 30 Jahren hat sein Institut rund 1000 Forschungsprojekte betreut. Er hat 500 Vorträge gehalten, in allen Kantonen ausser im Tessin. «Das macht mir so schnell keiner nach», findet er. Wo immer er auftrat, konnte er sich auf sein Memory verlassen, sein enormes Gedächtnis. «Ich habe es durch 30 Jahre Kontakt mit der politischen Schweiz trainiert», bilanziert er.

Comeback des Historikers

Weil Longchamp keinen Professorensessel zu verteidigen hat, kann er nun loslassen und mit 60 abtreten. «Ein wenig Wehmut spüre ich schon. Aber ich verschwinde ja nur vom Bildschirm, nicht von der Bildfläche», sagt er mit seinem TV-Lächeln.

Stimmen die Gerüchte, dass er nun in die Politik einsteigen will? «Auf keinen Fall, ich distanziere mich immer mehr von der Politik, ich bin zu undiszipliniert, zu wenig linientreu», sagt der parteilose Longchamp. Schon liegen Anfragen für Buchprojekte und ­Zeitungskolumnen vor. Longchamps Herz schlägt vor allem für sein ursprüngliches Fach: die Geschichte. «Gute Historiker sind alt und weise, und zumindest alt bin ich mittlerweile», findet er.

Man kann Longchamp als Stadtwanderer für historische Rundgänge an Schauplätzen in der ganzen Schweiz buchen. Das ist Longchamp at his best. Hier erlebt man ihn wirklich live, hier kommt man dem begeisternden Menschen Longchamp ohne Image und Fliege nahe.

Wäre das ein neues TV-Format für ihn: Spaziergänge in die Vergangenheit als historischer Nik Hartmann ohne Hund? Longchamp sagt nur so viel: «Ich weiss natürlich um die Kraft des Fernsehens.»

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