Lorraine: Und täglich grüssen die Sprayer-Crews

Bern

Die frisch sanierte Lorraine-Turnhalle ist diese Woche Opfer von Vandalen geworden. Bringt es in so einem «Graffiti-Hotspot» überhaupt etwas, solche Schäden zu beheben?

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Quentin Schlapbach@qscBZ

Etwas ketzerisch formuliert könnte man sagen, die neue Turnhalle in der Lorraine hat sich bestens in ihr Umfeld integriert. Wie die meisten Liegenschaften im Quartier hat der frisch renovierte Bau bereits eine erste Begegnung mit Sprayern hinter sich. Mit silberner Farbe haben sich die Vandalen diese Woche am Gebäude bemerkbar gemacht.

Aber nur für kurze Zeit, denn das Graffiti bald wieder verschwinden. «Sprayereien an Schulanlagen werden jeweils innert nützlicher Frist durch den Verein CasaBlanca entfernt», sagt Dagmar Boss, Bereichsleiterin bei Immobilien Stadt Bern. In diesem Fall wird das relativ leicht fallen, weil an der Fassade zuvor ein Graffitischutz angebracht wurde. Dies sind spezielle Beschichtungen, die nach jedem Schaden wieder erneuert werden müssen.

Künstlerisch wenig wertvoll

Während die Stadt im Kampf gegen die Sprayer unentwegt die Fahne hochhält, haben viele Liegenschaftsbesitzer in der Lorraine schon lange die Segel gestrichen. Wer heute im Quartier umherstreift, sieht mehr Gebäude mit Sprayereien an den Wänden, als solche ohne. In der Regel sind diese Graffitis kleinflächige und schwerlesbare Initialen oder Abkürzungen, sogenannte «Tags».

Kein Wunder: Die Sprayer-Crews können heute kaum Zeit in ihre Sujets investieren. Die Möglichkeit erwischt zu werden, zwingt sie zu hastigem Arbeiten. Die Resultate sind aus ästhetischer Sicht leider meist nicht zufriedenstellend.

Gerade in einem Quartier wie der Lorraine, wo die Sprayer derart aktiv sind, könnte man sich deshalb einen Strategiewechsel überlegen. Gesprayt wird so oder so - wieso also nicht künstlerisch wertvolle Graffitis statt schludrig angebrachtes Gekritzel? Die Tags würden zwar nicht einfach so verschwinden, aber sie würden wenigstens weniger auffallen.

Schön besprayte Hausfassaden sind nicht nur in südeuropäischen Städten, sondern auch in der Lorraine heute bereits eine optische Bereicherung (siehe Bildstrecke). Bei Immobilien Stadt Bern hält man vor der Idee, talentierten Sprayern freie Hand zu lassen, aber nicht viel. Jedenfalls, wenn es um die eigenen Bauten geht: «Es gibt in der Stadt frei bespraybare Wände. Liegenschaften von Schulanlagen sind unserer Meinung dafür nicht geeignet», sagt Boss.

Solidarität vom Lande

Schlussendlich ist es aber auch eine Geldfrage. Laut der Gebäudeversicherung Bern (GVB) kostet das Beseitigen eines Graffitis im Regelfall ungefähr 650 Franken. Auf die ganze Stadt gerechnet sind das Schäden von mehreren Millionen Franken im Jahr. Gedeckt werden diese Vandalismusschäden an der Hausfassade über die Zusatz-Gebäudeversicherung.

Dort wird kein Unterschied gemacht, ob eine Liegenschaft auf dem Land oder in Stadt steht – weder beim entsprechenden GVB-Versicherungsprodukt noch bei anderen Anbietern wie etwa der Mobiliar. Bei der GVB liegt die Limite für die „Instandstellung der Fassade bei böswilliger Beschädigung“ gar bei 10‘000 Franken im Jahr.

Die städtischen Liegenschaftsbesitzer profitieren derzeit also nicht zuletzt von der Solidarität der Eigenheimbesitzer auf dem Lande. Strapaziert werden würde diese Solidarität wohl erst, wenn wirklich jeder Hauseigentümer in der Lorraine auf die Beseitigung seiner Graffitis bestehen würde. Glücklicherweise kann man diese Schäden nur innert gewisser Fristen beim Versicherer melden.

Berner Zeitung

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