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Lüscher für Kenner

Jonas Lüschers Roman «Kraft» wurde 2017 zu Recht gefeiert. Doch die Bühnenfassung von Konzert Theater Bern setzt zu viel voraus.

Alle sind Richard Kraft: Das Schauspielkollektiv in der offen gestalteten Bürowelt.
Alle sind Richard Kraft: Das Schauspielkollektiv in der offen gestalteten Bürowelt.
Annette Boutellier

«Kann mir jemand dieses Stück erklären?», flüstert die Frau etwas verzweifelt vor sich hin. Sie sitzt im Zuschauerraum in den Vidmarhallen, eben ist der Schlussapplaus verklungen, Premiere des Stücks «Kraft» von Jonas Lüscher.

Es ist die Dramatisierung des viel gelobten Romans, mit dem der Berner 2017 den Schweizer Buchpreis gewann. Und will man am Ende nicht so ratlos dastehen wie diese Frau, dann liest man als Vorbereitung besser den Roman – oder mindestens eine Zusammenfassung davon.

So viele Reize

«Kraft», inszeniert vom Basler Jungtalent Zino Wey, fordert das Publikum heraus. Da reden sechs platinblonde Schauspieler abwechslungsweise, aber nonstop auf die Zuschauer ein. Dazu wuseln sie auf der Bühne herum, immer wieder erklingen Störgeräusche, flimmern Videosequenzen auf.

Das ist das nervöse Rauschen der technischen Welt. Und es sind so viele Reize, dass die Konzentration schwerfällt. Damit geht es dem Publikum nicht besser als «ihm».

Er ist Richard Kraft, der Protagonist aus Lüschers Roman, der von allen sechs Schauspielern verkörpert wird. Kraft ist ein Tübinger Rhetorikprofessor, der ins Silicon Valley fährt, um ein Preisgeld von einer Million Dollar zu gewinnen.

«Kann mirjemand dieses Stück erklären?»

Zuschauerin nach der Premiere

Dazu muss er lediglich die beste Antwort auf die scheinbar einfache Aussage finden: «Warum alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können». Doch die Reise ins Glück wird für Kraft eine Reise in die Vergangenheit.

Erstmals ist er konfrontiert mit seinem Versagen in zwischenmenschlichen Beziehungen, mit seinen persönlichen Unzulänglichkeiten, die er als erfolgreicher Intellektueller stets ausgeblendet hat.

Und so ist es ihm auch unmöglich, mit dem unendlichen Optimismus der kalifornischen Start-up-Szene mitzuhalten. Stattdessen werden Erinnerungen und Zweifel immer stärker.

So viel Überforderung

Lüscher hat mit diesem Roman einen Abgesang auf den modernen, technisch aufgerüsteten Menschen geschrieben. Und da Kraft als Bild für uns alle steht, ergibt es auch Sinn, ihn von mehreren Darstellern verkörpern zu lassen.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler (Florentine Krafft, Grazia Pergoletti, Marie Popall, Nico Delpy, Julian Lehr und Alexander Maria Schmidt) machen ihre Sache gut, übergeben sich den Stab souverän, immer im Rhythmus, wie bei einem Staffellauf.

Dazwischen schaukeln sie Mikrofone im Sekundentakt, bewegen sie wie riesige Zeiger der rücksichtslos voranschreitenden Welt und geben sich den visuellen Reizen der 3-D-Brillen hin. Und verlieren sich dann wieder in dieser offen gestalteten Bürowelt mit Glaskubus und Ledersofa (Bühne: Davy van Gerven). Überall lauert die Ablenkung.

Diese Überreizung erfährt das Publikum am eigenen Körper. Doch während das Buch den Leserinnen und Lesern erlaubt, ihr eigenes, passendes Tempo anzuschlagen, innezuhalten, nachzudenken, zu verstehen, überrennt einen die Inszenierung.

Die Überforderung Krafts ergreift Stück für Stück auch das Publikum. Wem soll man zuhören? Wo soll man hinblicken? Was geschieht da gerade?

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