Männerfantasien zum WM-Auftakt

Bern

Das Theater an der Effingerstrasse präsentiert mit Patrick Marbers Stück «Der rote Löwe» pünktlich zur WM ein Affentheater rund um Fussball.

Fussballverrückt: Dragan (Fabian Guggisberg), Matto (Frank Hangen) und Ben (Gilles Tschudi).

Fussballverrückt: Dragan (Fabian Guggisberg), Matto (Frank Hangen) und Ben (Gilles Tschudi).

(Bild: Severin Nowacki (PD))

Helen Lagger@FuxHelen

«Noch nie bin ich so geliebt worden», erinnert sich Ben (Gilles Tschudi) an seine glorreichen Zeiten als Fussballer, als die Spieler sich auf ihn warfen und die Fans auf den Platz strömten.

Heute ist Ben nur noch Materialwart, der in der Garderobe des zweitklassigen Vereins «Die roten Löwen» Trikots bügelt und Spieler massiert. Besagte Garderobe mit grünen Schliessfächern (Bühne: Peter Aeschbacher) ist der einzige Schauplatz im Stück «Der rote Löwe».

Das Theater an der Effingerstrasse präsentiert die Schweizer Ersttaufführung des vom Englischen ins Deutsche übersetzten Textes. Autor ist der Engländer Patrick Marber, der, seit sein Stück «Closer» (1997) mit Stars wie Julia Roberts und Jude Law verfilmt wurde, über die Theaterszene hinaus bekannt ist.

Nach dem grossen Erfolg verstummte Marber für eine Weile, angeblich weil er an einer Schreibblockade litt. Er realisierte einen weit verbreiteten Männertraum und kaufte sich einen Fussballverein. Diese Erfahrung diente als Inspiration für «The Red Lion» (2015) und brachte den Briten als Autor zurück ins Spiel.

Sauber bleiben

Mit Gilles Tschudi, Frank Hangen und Fabian Guggisberg stehen drei Schauspieler auf der Bühne, die selbst fussballaffin sind, wie man im Programmheft erfährt. Auf der Bühne sind sie von Fussball geradezu besessen.

Materialwart Ben und der ehr­geizige Trainer Matto (Frank Hangen) liefern sich ein pathetisches Duell. Beide wollen das Nachwuchstalent Dragan (Fabian Guggisberg) vereinnahmen.

Ben möchte ihn an den Verein binden, Matto mit ihm das grosse Geld machen. Er plant heimlich, ihn an einen Scout zu verschachern. Dragan hingegen sucht nach einer Vaterfigur und möchte – als gläubiger Christ – un­bestechlich und sauber bleiben.

Wäre da nur nicht sein kaputtes Knie, in das er sich illegale Substanzen spritzt. Der erste Teil dieses Garderobengemauschels kommt ganz schön zäh daher. Worauf will Regisseur Stefan Meier hinaus? Langfädig wird massiert, über den schlecht bestellten Rasen geklönt, vom Sieg schwadroniert. Wie zwei Geier lauern Ben und Matto ihrem Schützling auf. Wozu das ganze Affentheater?

Mit der Zeit fallen die Masken. Alle drei lieben den Fussball, doch Fair Play sieht anders aus. Was die Männer in diesem Verein suchen, hat zuletzt ganz viel mit Einsamkeit zu tun. Nur ansatzweise kommen die zerrütteten Familienverhältnisse aller drei Figuren zur Sprache. Die Frage «Wie geht es deinen Kindern?», bringt den cholerischen Matto zum Explodieren. Fussball ist für alle drei das Leben, weil alles andere im Argen liegt.

Das Tragische dieser Figuren rüberzubringen und Empathie zu wecken, gelingt Tschudi und Frank grimassierend und laut, während Guggisbergs Spiel leise daherkommt. Am Ende gewinnt die Mannschaft als Ganzes und verbeugt sich mit einer La Ola.

Vorstellungen: bis zum 29. Juni, Theater an der Effingerstrasse, Bern.

Berner Zeitung

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