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Mehr Kitt im Quartier

Pensionär Heinz Hubacher hat ein Theaterstück zur Adventszeit auf die Beine gestellt. Die Schauspieler wohnen alle in der Überbauung Schönberg Ost.

«Herr Odes und der Engel»: Durch das Laientheaterstück lernen sich viele Quartierbewohner erst kennen. Foto: Max Füri
«Herr Odes und der Engel»: Durch das Laientheaterstück lernen sich viele Quartierbewohner erst kennen. Foto: Max Füri

«Halt!», ruft Heinz Hubacher. Sofort verharren die Schauspieler im Scheinwerferlicht – die trinkenden Partygäste, die namenlosen Flüchtenden, der Waffenhändler Herr Odes, der naive Engel. Der Leiter des Theaterstücks tritt aus der Dunkelheit und schüttelt den Kopf. «Das ist die empfindlichste Szene», ermahnt er.

«Die Dramaturgie spitzt sich zu, da müssen die Bewegungen stimmen.» Die Schauspieler diskutieren untereinander, sprechen die Szene nochmals ab. Beim zweiten Durchlauf nickt Hubacher zufrieden. «Äxgüsi, wurde ich laut», sagt der Pensionär dann. «Wir müssen einfach vorwärtsmachen. Sonst bin ich ja ganz ein Lieber.»

Die Proben des Stücks «Herr Odes und der Engel» dauern am Samstagabend mehrere Stunden in der feuchten Kälte. Unter den Glitzerröcken tragen die Partygäste Thermounterwäsche, der Engel mehrere Pullover übereinander. Nach dem gelungenen letzten Durchlauf sind alle froh, vom Guyerplatz mitten im Quartier Schönberg Ost in die Wärme zu flüchten.

Charlotte Gysin, die eine namenlose Flüchtende spielt, hält in ihren Händen eine dampfende Tasse Glühwein. «Es ist wunderbar, wird der Guyerplatz mit einem Theaterstück belebt», sagt sie. Gysin wohnt von Beginn an im Quartier, als der Stadtteil neben dem Zentrum Paul Klee aus dem Boden gestampft wurde.

2011 wurden auf dem ehemaligen Galgenhügel Berns die ersten Wohnungen bezogen, mittlerweile wohnen über tausend Leute in der Überbauung. «Der Platz kam lange nicht zum Leben», sagt Gysin. «Am Anfang war er wenig einladend, mit den noch kleinen Bäumen und den fixen Bänkchen am Rand.»

Für den Quartiergeist

Das Quartier zu beleben, war eines der Ziele von Heinz Hubacher, der das Stück sowohl geschrieben hat als auch leitet. «Wenn fast tausend Menschen gleichzeitig irgendwo einziehen, muss ein Zusammenhalt erst entstehen», sagt er. Er glaubt, dass ein Quartiergeist mittlerweile stark vorhanden ist. «Aber man sieht ihn erst, wenn es Angebote gibt – wie das Theaterstück.»

Über dreissig Leute aus Schönberg Ost spielen in der alternativen Weihnachtsgeschichte mit, im Alter zwischen 9 und Mitte 70. Ausser zwei Schauspielern, Res Aebi und Andrea Hoffmann vom Theater Matte, sind alle Laien. «Ich wollte unbedingt neue Leute kennen lernen», sagt die Pensionärin Annegret Gerber, die eine namenlose Flüchtende spielt. «Die Eltern knüpfen hier über ihre Kinder Kontakte, für mich war das nicht möglich.»

Theater schweisst zusammen, ist Heinz Hubacher überzeugt. Obwohl er zu Beginn nicht sicher war, überhaupt genügend Leute für sein Stück zu finden. Im Juni hat er Flyer gedruckt und in die Briefkästen der Überbauung geworfen, mehrere Hundert davon.

Das anfängliche Interesse war da, aber nicht alle wussten, ob sie genug Zeit für die Proben haben würden. «Gerade in der Adventszeit sind Leute viel beschäftigt», sagt Hubacher. Letztlich musste er aber lediglich auf eine Rolle verzichten: Yussuf, den Ehemann der flüchtenden Frau Mariam.

Yussuf und Mariam – eine neue Interpretation von Josef und Maria. Auch sonst ist in diesem Weihnachtsstück vieles nicht so, wie man es kennt. Da ist etwa Res Aebi als Rüstungsmagnat Herr Odes, der den Engel davon überzeugen will, dass er eigentlich ein Friedensfürst ist. Oder Melchior als Goldhändler, der sich nach einer Lebenskrise neu orientieren will. Die alternative Weihnachtsgeschichte überzeugt, auch dank den Leistungen der Laienschauspieler.

Gegen die Ohnmacht

«Ich habe das Theater ein Stück weit aus Ernüchterung geschrieben», sagt Hubacher. Die Idee dazu kam im letzten Jahr, als der Weihnachtszirkus mit allem Kommerz, Glitzer und Firlefanz losging. In dieser Zeit sei vergessen gegangen, was sonst auf der Welt passiere – etwa Krieg. Das Theaterstück zu schreibe, war für ihn eine Möglichkeit, gegen sein Ohnmachtsgefühl vorzugehen. Die Premiere musste am Montag wegen Regen abgesagt werden und findet stattdessen diesen Freitag statt.

«Herr Odes und der Engel»: Aufführungen auf dem Guyerplatz am 7., 8., 13. und 15. 12. 18 Franken, inkl. Glühwein.www.schoenberg-ost.ch/herr-odes

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