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Mensch und Tier – ein sehr ambivalentes Verhältnis

Tierpark-Direktor Bernd Schildger musste sich in den letzten Tagen mit Fragen von besorgten Bären-Liebhaber auseinandersetzen.

«Sagen Sie, gehen unsere Bärli tatsächlich nach Rumänien, dorthin, wo sie Tanzbären quälen und überhaupt wenig von Tierschutz verstehen?» Die mit bestürzter, auch ein wenig verärgerter Miene, aber voller Betroffenheit gestellte Frage von Frau L., in Begleitung ihres Gatten, anlässlich der renommierten Veranstaltung im Kursaal gestellt, wirft mich ein wenig aus der Bahn.

Weshalb fragt sie mich das? Was haben wir falsch gemacht?

«Mit den Tanzbären haben Sie recht – aber Sie wissen schon, dass die Rumänen genau für diese Tiere den Bärenpark in Zernesti gebaut haben, und dies sogar mit Schweizer Unterstützung. Der Tierpark hat zwei sachkundige Mitarbeiter dorthin geschickt. Ihr Auftrag war entsprechend unserer Philosophie, Ursina und Berna nur in gute Haltungen abzugeben, die Anlage in Zernesti eingehend zu begutachten. Beide, und der sie begleitende Fachmann des Zoos in Innsbruck, haben die Anlage nicht nur als hinreichend beurteilt, sondern waren begeistert von der 80 Hektaren grossen Bärenanlage im Mischwald von Zernesti und der professionellen Führung des Parks durch die Menschen vor Ort.»

«Ja, aber darüber wurden wir gar nicht informiert!» war die entwaffnende Antwort. Recht hat die Dame, aber weshalb dieses pauschale Urteil über die Beziehung eines ganzen Landes zum Tier?

Mir fallen spontan die diversen Leserbriefe zum Thema ‹Bären nach Rumänien› ein. Der Tenor: Weshalb geben wir unsere Bären von Bern in ein Land, das Tierschutz mit den Füssen tritt? Nun, es ist dasselbe Land, das einen Bärenpark für genau diese Tiere baut!

Es ist auch dasselbe Land, das, auf vergleichbarem Niveau, alles Recht hätte, zu fragen, wie viele frei lebende Bären es denn in der Schweiz gäbe. In Rumänien etliche Tausend, in der Schweiz, momentan und passager, einen. Die Frage sei erlaubt – für wie lange? Es scheint also, dass pauschale Vorurteile den Bären nicht gerecht werden. Schlimmer noch, wie oben angedeutet, können sie auch schnell zu persönlichen Animositäten und Empfindlichkeiten führen, die eine gemeinsame Arbeit zum Wohl der Tiere unmöglich erscheinen lassen.

«Konsumenten dümmer als Kälber» lautete die Überschrift im Blick am Abend. Weisses Kalbfleisch, von mangelernährten Kälbern ohne Auslauf, oft in enger Haltung ohne Bewegungsmöglichkeit, wird gekauft; rosafarbenes nicht. Obgleich also Letzteres von Kälbern stammt, die viel besser gehalten und ernährt werden, von der Zusammensetzung für die menschliche Ernährung wertvoller ist, wird es nicht gekauft. Gekauft wird das weissliche Fleisch, obgleich bekannt ist, dass es nur weiss sein kann, wenn es den Tieren zu Lebzeiten schlechter geht, als den Tieren, die rötliches Fleisch liefern. Tausende von Kälbern jährlich quälen, aber einzelne Bären oder Esel vermenschlichen und auch retten?

Ein sehr ambivalentes Verhältnis, unsere Beziehung zum Tier. Manchmal hilft die Besinnung auf Vergangenes über die Verirrung durch scheinbar lebenserleichternde Vorurteile hinweg. Vielleicht ist es inkorrekt, aber könnte es nicht sein, dass wir alle uns ein wenig an den Indianern, Entschuldigung, indigenen Völkern Nordamerikas orientieren sollten? Den gejagten und erlegten Elch über die Jagd, das Zerlegen, die Zubereitung und das Verzehren des Tieres bewusst wahrzunehmen, als Mitgeschöpf zu schätzen, ist auch eine Würdigung des Tieres! Zumindest ist diese Würdigung ehrlich und offen. Offener als die denaturierte Präsentation von fettfreien, weissen Plätzli unter schönem Licht, um sie vom ehemaligen Kontext eines integralen, lebenden Körpers zu befreien – und uns vom schlechten Gewissen.

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