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Millionenbetrag: Mäzenin Ursula Streit unterstützt Kunstmuseum

Ursula Streit heisst die Mäzenin, die bereit ist, das Kunstmuseum Bern im Fall Gurlitt zu unterstützen. Ihr Anwalt Peter Bratschi nimmt den Staat in die Pflicht und fordert für die Berner Forschungsstelle eine unabhängige Stiftung.

Was läuft hinter den Kulissen? Für das Kunstmuseum Bern hat die Arbeit nach der Annahme des Gurlitt-Erbes erst begonnen.
Was läuft hinter den Kulissen? Für das Kunstmuseum Bern hat die Arbeit nach der Annahme des Gurlitt-Erbes erst begonnen.
Urs Baumann

Herr Bratschi, was bewegt Ihre Mandantin dazu, dem Kunstmuseum einen siebenstelligen Betrag zu spenden?Peter Bratschi: Ursula Streit ist gebürtige Deutsche und hat das Naziregime als Kleinkind am eigenen Leib erfahren. Das in ihrem Familien- und Freundeskreis getane Unrecht vergisst auch sie nicht. Als bekannt wurde, dass Herr Gurlitt seinen Nachlass dem Kunstmuseum vermacht hatte, freute sie sich sehr darüber. Dies nicht nur der Bilder wegen...

Sondern? Weil Bern dadurch die Gelegenheit erhält, zur Aufarbeitung des Raubkunst-Themas einen wichtigen Beitrag zu leisten. Frau Streit war sich bewusst, dass schwierige rechtliche und moralische Fragen mit einer Annahme des Testamentes verbunden sein werden. Aber gerade dies war der Grund, dass sie sich bereit erklärte, über die Stiftung Rudolf und Ursula Streit eine bedeutende Summe zur finanziellen Unterstützung zukommen zu lassen.

Wofür soll das Geld genau eingesetzt werden? Die finanzielle Unterstützung ist zweigeteilt. Der grösste Teil soll in den Aufbau und den Betrieb der Berner Forschungsstelle fliessen. Ein kleiner Teil soll als Sicherheit dienen, falls unerwartete Kosten auf das Kunstmuseum zukommen.

Das Museum hat angekündigt, die Berner Forschungsstelle beginne ihre Arbeit «im ersten Quartal» dieses Jahres. Ist bereits Geld geflossen? Nein.

Wovon hängt das ab? Die Mäzenin hat klargemacht: Sie will diese Unterstützung nur leisten, wenn ganz klar ist, wie die Vereinbarung des Kunstmuseums mit Deutschland umgesetzt wird. Und wenn man im Umgang mit der Sammlung Gurlitt nicht aus einem Glücksfall einen Unglücksfall macht.

Sehen Sie diese Gefahr? Aus meiner Sicht gibt es zahlreiche offene Punkte mit Blick auf die Vereinbarung mit Deutschland, aber auch mit Blick auf die Verfahrensvereinbarung, welche die deutschen Behörden nach Beschlagnahme der Sammlung mit Cornelius Gurlitt kurz vor dessen Tod abgeschlossen haben.

Welches sind die Hauptpunkte? Alle Beteiligten – der deutsche Staat, Bayern und das Kunstmuseum – haben stets davon gesprochen, dass die Washingtoner Prinzipien eingehalten werden. Das Washingtoner Abkommen gilt nur für Staaten, nicht für Museen. Im Fall Gurlitt geht es um eine Vereinbarung zwischen Staaten und einer privatrechtlichen Schweizer Stiftung.

Weshalb soll das ein Problemsein? Es genügt doch, wenn sich das Kunstmuseum zu den Washingtoner Prinzipien bekennt. Alles Weitere ist in der Vereinbarung festgehalten. Da bin ich anderer Auffassung. Das Kunstmuseum ist Partei. Die Einhaltung der Washingtoner Prinzipien ist Staatsaufgabe. Das heisst: Bei der Umsetzung der Vereinbarung müssen der Bund und der Staat Bern Verantwortung übernehmen. Umso mehr, als die Anwendung der Prinzipien im Fall Gurlitt auch für andere schweizerische Museen relevant werden kann.

Woran denken Sie? Es ist bekannt, dass die Washingtoner Prinzipien in Deutschland stringenter ausgelegt werden als in der Schweiz. In Deutschland werden auch Werke restituiert, die Verfolgte zu Spottpreisen verkauft haben, sogenanntes Fluchtgut. Der Bund muss hier mit Blick auf den Fall Gurlitt ein klärendes Bekenntnis abgeben, was in der Schweiz nun genau gilt. In Deutschland gibt es im Übrigen auch Exponenten, die die Meinung vertreten, dass Werke, die von den Nazis in deutschen Museen beschlagnahmt wurden, an diese zurückzugeben sind.

Hat Ihre Mandantin auch Erwartungen, was das finanzielle Engagement von Bund und Kanton Bern betrifft? Sie wünscht sich ein Engagement von der öffentlichen Hand. Nicht zuletzt, weil dies helfen würde, für die Forschungsstelle weitere Finanzierungsquellen von privater Seite zu erschliessen.

Wie soll die Berner Forschungsstelle aufgestellt sein? Ich halte es für keine gute Idee, die Forschungsstelle direkt dem Kunstmuseum zu unterstellen. Das Museum ist Partei und hat Eigeninteressen, anders als die deutsche Taskforce als deren Gegenpart. Neutralität und Unabhängigkeit sind aber zentral. Der Bund oder der Kanton Bern sollten für die Forschungsstelle eine rechtlich unabhängige Stiftung errichten. Von einer allzu bernischen Zusammensetzung des Stiftungsrats ist dabei abzuraten.

Was ist mit dem Know-how des Kunstmuseums? Natürlich soll man das nutzen. Die Stiftung der Forschungsstelle soll die Oberaufsicht übernehmen und von Fall zu Fall Aufträge erteilen – ans Kunstmuseum, an andere Museen, an die Universität Bern oder an andere Universitäten.

Haben Sie den Eindruck, dass das Kunstmuseum mit der derzeitigen Führung den Herausforderungen gewachsen ist? Das kann ich nicht beurteilen. In der Person von Direktor Frehner ist jedenfalls ein ausgewiesener Raubkunstexperte sozusagen «inhouse» greifbar.

Welchen Eindruck haben Sie in den letzten Monaten gewonnen? Mir ist aufgefallen, dass man lange gezögert und wenig sachbezogen informiert hat. Alles geschah hinter verschlossenen Türen. Für ein öffentlich finanziertes Museum sicher nicht die adäquate Form. Eine offensivere Kommunikation hätte wohl für mehr Verständnis und Vertrauen gesorgt. Man kann sich auch fragen, ob es sinnvoll gewesen wäre, wenn der Stiftungsratspräsident am Ende seiner letzten Amtszeit bereits seinen Nachfolger miteinbezogen hätte.

Ursula Streit führte mit ihrem Mann Rudolf Streit-Scherz den Berner Scherz Verlag, den sie Mitte der Neunzigerjahre der deutschen Holtzbrinck-Gruppe verkauften. Zwei Jahre vor Streits Tod 2001 rief das Ehepaar die Rudolf und Ursula Streit Stiftung ins Leben. Wiederholt hat sich die gebürtige Deutsche seither als Mäzenin engagiert. So auch beim Berner Haus der Religionen mit drei Millionen Franken.

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