Mit Camp David die Lüfte erobern

Warum ein Camp-David-Shirt die letzte Möglichkeit für Männer jenseits der 40 ist, virile Abenteuerlust vorzugaukeln.

Michael Bucher@MichuBucher

«Lake Tahoe California Tech. Service FLT. Centre C. M-P-D Camp David Serial No. Crew C-63 FLT. Type: Fixed Wing Aircraft Water Scooper 1.600 GL Number Dept. Blue C.6.3 Flying Boats and Seaplanes Crew.»

Ja, liebe Camp-David-Shirt-Träger, das steht unter anderem auf eurer Brust geschrieben.

In tagelanger Internetrecherche habe ich versucht, den tieferen Sinn hinter den kryptischen Schriften des deutschen Modelabels zu entziffern. Schier manisch durchforstete ich das Darknet, um dort eine etwaige Verschwörung aufzudecken. Steckt hinter den Botschaften auf den bunten Shirts der militärisch-industrielle Komplex (MIK)? Die Illuminaten? Oder gar Ausserirdische? Am Ende musste ich jedoch ein­sehen, dass die touretteartigen Slogans nichts anderes sind als Nonsens.

Getragen werden die üppig beschrifteten Shirts meist von Männern jenseits der 40, die dadurch eine Restportion Verwegenheit aufrechterhalten wollen. Der Familienalltag mit Kleinkindern ist zermürbend, ein Camp-David-Shirt die letzte Möglichkeit, virile Abenteuerlust vorzugaukeln. Das kann zu wenig würdevollen Szenen führen. Etwa wenn auf dem Shirt draufgängerisch «Conquer the Sky» prangt, während sein Träger mit einem schreienden Balg am Hosenbein im Ryfflihof-Coop die glutenfreien Buchweizen-Nüdeli sucht.

Oder der Typ, bei dem «Spirit of Aviation» den Brustbereich ziert. Die tollkühnen Flug­abenteuer erschöpfen sich meist im Rückwärtsparkieren (mit Parkhilfe!) des geleasten Volvo-Kombi im Shoppyland.

Auch ich kann mich nicht von vorschnellen Griffen nach peppig beschrifteten Shirts ausnehmen. Aufgeflogen bin ich in einem Hotellift in Singapur. Ein älterer Herr deutete entzückt auf mein Shirt. Wahllos wirkende Schlagworte insinuierten, dass ich einen Grossteil meines unbändigen Lebens in «New Zealand» verbringe. Mein Liftkollege kam von dort. Meine realen Erfahrungen mit dem Land:

Ich war einmal drübergeflogen. Beschämt blickte ich zu Boden und verabschiedete mich mit viel zu gekünsteltem Aussie-Akzent.

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