Mordfall geht vor Obergericht

Hasle

Nach dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau muss sich auch die zweite Instanz mit dem Fall des Mannes befassen, der in Hasle seine Ehefrau ermordete. Knackpunkt ist das Gutachten.

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Johannes Hofstetter

Wegen Mordes an seiner Ehefrau verurteilte das Regionalgericht Emmental-Oberaargau einen Tunesier am vergangenen Freitag zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Der Pflichtverteidiger hatte auf 6 Jahre plädiert und verlangt, die Strafe zugunsten einer stationären Therapie aufzuschieben.

Am Mittwoch teilte der Anwalt aus Aarau dem Gericht in Burgdorf mit, dass er gegen das Urteil rekurriere. Zu einem noch unbestimmten Zeitpunkt wird sich also auch das Obergericht in Bern mit dem Drama beschäftigen.

Verhandlung sei zu sistieren

Der Verteidiger hatte schon lange vor und auch während des Prozesses mehrfach gefordert, die Verhandlung zu sistieren. Bevor dem Beschuldigten der Prozess gemacht werde, müsse über ihn ein Obergutachten erstellt werden, weil die vom Gericht bestellte Expertise «lückenhaft» und «willkürlich» sei und die medizinische und persönliche Vorgeschichte seines Mandanten zu wenig berücksichtige.

Der vom Gericht bestellte forensisch-psychiatrische Gutachter hatte in seinem mehrere Hundert Seiten umfassenden Dossier konstatiert, dass der Angeklagte zur Tatzeit zwar psychisch krank, aber voll schuldfähig gewesen sei. Gestützt auf diese Erkenntnis forderte der Staatsanwalt das Gericht dazu auf, den 36-Jährigen wegen Mordes für 17 Jahre hinter Gitter zu schicken.

Störung nicht ausgeprägt

Für den Verteidiger stand jedoch fest, dass der Angeklagte an jenem Februarmorgen des Jahres 2016 unter starken Depressionen und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gelitten hatte.

Wenige Wochen vor der Bluttat – der Afrikaner hatte seine Schweizer Frau erst mit über einem Dutzend Messerstichen verletzt und ihr laut dem Staatsanwalt dann «den Hals durchgesäbelt» – habe er einmal mehr versucht, sich das Leben zu nehmen. Auf der Suche nach Hilfe sei er in keiner der psychiatrischen Anstalten des Kantons fündig geworden.

In seiner Urteilsbegründung stellte Gerichtspräsident Roger Zuber fest, dass der «rasend eifersüchtige» und in seinem Stolz verletzte Beschuldigte zur Tatzeit tatsächlich unter einer psychischen Störung gelitten und seine Frau «mit grosser Brutalität, Gefühlskälte und Entschlossenheit» getötet habe. Diese Störung sei jedoch nicht so ausgeprägt gewesen, dass von einer verminderten Schuldfähigkeit ausgegangen werden müsse, sagte der Vorsitzende.

Hätte das Gericht auf eine schwere psychische Störung und damit auf eine verminderte Schuldfähigkeit erkannt, wäre eine mildere Strafe wegen Mordes denkbar gewesen. Dann hätte für die Richterinnen und Richter die Möglichkeit bestanden, die Strafe zugunsten einer stationären psychiatrischen Massnahme aufzuschieben.

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