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Muslime können nun offiziell Seelsorger werden

Mit ihrer Weiterbildung für Asylseelsorge macht die Uni Bern den Beruf erstmals für Angehörige aller Religionen zugänglich. Doch zuerst müssen die Bewerber Anfang Mai einen Eignungstest bestehen.

Marokkanische Imame im Religionsunterricht: Bald könnten sie auch in Bern studieren.
Marokkanische Imame im Religionsunterricht: Bald könnten sie auch in Bern studieren.
Keystone

Die Seelsorge befindet sich fest in Hand der Schweizer Kirchen. Bis jetzt. Denn im Zuge der Flüchtlingskrise ist die Nachfrage nach nicht christlichen Seelsorgern stark gestiegen. Deshalb bietet die Uni Bern ab Sommer eine Weiterbildung für Seelsorge im Migrationskontext an. Der zentrale Punkt des neuen Kurses: Er steht Angehörigen aller Religionen offen – sofern sie die Aufnahmekriterien der Uni erfüllen und einen Eignungstest bestehen. Durch diesen sollen etwaige ­fundamentalistische Tendenzen erkannt werden.

Mit der Zulassung von Muslimen für die Ausbildung kommt die Uni Bern einem Wunsch des Sicherheitsverbunds Schweiz nach. Dieser empfahl die Ausbildung muslimischer Seelsorger als Präventionsmassnahme gegen Radikalisierungen.

In einzelnen Modulen erlernen die Teilnehmenden unter anderem die Grundlagen religiöser Begleitung und erwerben Kenntnisse über das Schweizer Asyl- und Ausländerrecht. Behandelt werden auch heikle Themenbereiche: «Im Kontext der Migration stellen sich Fragen wie die, worauf man in der Seelsorge mit einer Frau achten muss, welche auf der Flucht vergewaltigt worden war», erklärt Studienleiterin Isabelle Noth.

Grosses Echo bei Muslimen

In der muslimischen Gemeinde war das Interesse an einer anerkannten Seelsorgerausbildung sehr gross, sagt die Professorin für Seelsorge und Religionspsychologie. «Viele sind schon in Gefängnissen und Spitälern seelsorglich tätig. Was ihnen aber fehlt, ist die entsprechende Ausbildung.» Der Wunsch nach einer solchen sei stark, genauso wie der nach öffentlicher Anerkennung für die geleistete Arbeit.

Isabelle Noth von der Uni Bern richtet sich mit ihrem Kurs für Asyl­­seel­sorge an Angehörige aller ­Religionen. Bild: Andreas Blatter
Isabelle Noth von der Uni Bern richtet sich mit ihrem Kurs für Asyl­­seel­sorge an Angehörige aller ­Religionen. Bild: Andreas Blatter

Einer, der Anfang Mai den Eignungstest absolviert, ist der Berner Imam Mustafa Memeti. Er hofft, dass die Ausbildung die Grundlage dafür schafft, dass künftig gut ausgebildete muslimische Seelsorger in öffentlichen Institutionen zum Einsatz kämen. «Auch ökumenisch», sagt Memeti, der selbst als Seelsorger im Gefängnis Thorberg tätig ist.

Verteilkämpfe und Ängste

Doch die Begeisterung, die Seelsorgerausbildung für andere ­Religionen zu öffnen, war nicht überall gleich gross. Offiziell stehen die Schweizer Kirchen mittlerweile hinter dem Angebot. «Wir finden sehr gut, dass es nun eine Möglichkeit für Angehörige anderer Religionen gibt, sich seelsorglich weiterzubilden», sagt etwa Pascal Mösli, Seelsorgebeauftragter der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn.

Doch das war nicht immer so, wie Studienleiterin Noth weiss: «Gerade bei den Kirchen gab es viele, die das Monopol auf die Seelsorge unbedingt behalten wollten. Hier hat sich der Wind offiziell inzwischen gedreht.» Diese Haltung scheine wohl nicht mehr opportun, weil sie schlicht nicht durchsetzbar sei, so Noth.

«Bei den Kirchen gab es viele, die das Monopol auf die Seelsorge behalten wollten.»

Isabelle Noth

Neben religiösen Vorbehalten gehe es bei den Vorbehalten auch um simple Verteilkämpfe und Verlustängste: «Jedes grössere Spital beschäftigt Seelsorger. Dabei geht es um zig Stellen, die in Zukunft unter anderem auch mit nicht christlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern besetzt werden können», sagt Noth.

Recht auf Trost

Doch warum braucht es überhaupt muslimische Seelsorger? «Unter uns leben immer mehr Menschen muslimischen Glaubens. Diese haben genauso das Anrecht und das Bedürfnis, Seelsorge zu empfangen wie auch vor dem Hintergrund ihrer Religion selbst auszuüben», sagt Isabelle Noth. Die grosse Mehrheit der Schweizer Muslime würden unsere Werte und Ansichten teilen. «Wir wollen nicht, dass sie sich auf der Suche nach Trost an Imame aus dem Ausland wenden müssen, welchen unsere Rechte und Sitten völlig fremd sind.»

Zudem sei die Religionszugehörigkeit nicht zentral. «Hauptkriterium ist, dass Menschen, die Hilfe suchen, die bestmögliche Seelsorge erhalten würden, so Noth. «In diesem Fall müssen wir Leute ausbilden, die auf den Migrationshintergrund der Menschen, auf deren Kriegs- und Fluchttraumata vorbereitet sind.» Und dass im Kurs nun auch Menschen ausgebildet würden, die über den gleichen sprachlichen und kulturellen Hintergrund verfügten, sei hierfür extrem hilfreich.

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